Dienstag, 30. November 2010

Ich Hase Dich Arschloch!

Ein frostklarer Wintermorgen im idyllischen Minden-Rodenbeck. Gut, das eine oder andere Detail im vorangegangenen Satz mag nicht völlig exakt sein (wir rekurrieren auf das 'idyllisch'), doch im Großen und Ganzen stimmt's. However ...



Ich komme aus dem Grübeln nicht raus, was der Autor mir eigentlich mitteilen wollte. Ob vielleicht eine clevere Mehrdeutigkeit angestrebt war ("Ich Tarzan, Du Jane"; "Ich Hase, Du Arschloch")? Andererseits ist das "Dich" eindeutig ein Akkusativ. Da beißt die Maus keinen Faden ab.
Die Identität des Autors hat sich leider nicht klären lassen - nicht einmal die Spezies; frostklar war's aber kein nennenswerter Schnee und damit auch keine Hasenfährte. Die Großschreibung in der Anrede spricht möglicherweise für eine gewisse konservative geistige Grundhaltung.

Wie geschaffen also für das Ausflugsziel des Tages: Burg Bentheim. Hatte ich mir schon im Vorfeld auskuckt, als der Wochenendbesuch bei Schwiegermutter in Minden-Rodenbeck, dem idyllischen, anstand.



Nun ist die Borniertheit des Menschen potentiell grenzenlos (wie wir seit 'Buddenbrooks' wissen *g*). Wir tragen unsere Vorurteile mit uns rum und sehen sie beim ersten fassbaren Indiz in vollem Umfang bestätigt - ob sie nun potentiell gewalttätige Hasen in Minden-Siewissenschon anbetreffen, hinterwäldlerische Abkömmlinge der Konföderierten (mir wurde ganz übel angesichts der Bagage in der bei Schwiegermuttern aufgefundenen Karin Slaughter-Lektüre - und das waren noch die Sympathieträger) oder den Erbprinzen von Bentheim, der mich aus dem offiziellen Burgführer heraus in einem Jackett anlächelte, bei dem mich die Erinnerung an die Sesselbezüge meiner Großmutter beschlich. Wie mein Onkel gesagt hätte: "Seltsames Völkchen da in der Grafschaft Bentheim, aber Burgen bauen die ..."



Burg Bentheim ist aus etlichen Gründen spannend: Am Anfang steht die Geologie (was ja ganz passend ist). Auf dem Bentheimer Sandstein erhebt sich nicht allein die Burganlage, sondern er war jahrhundertelang - und ist bis heute - auch ein international begehrter Baustoff, aus dem der Fama nach sogar der Sockel der New Yorker Statue of Liberty besteht. Eindrucksvoll ist er auf jeden Fall, dieser Sandsteindurchbruch in einem Gebiet, das ja recht eindeutig der norddeutschen Tiefebene zuzurechnen ist.



Da er aber nun mal da war seit ein paar Millionen Jahren, lag es für die Altvorderen nahe, ihn auch zu nutzen. Die Spuren militärischer Anlagen lassen sich an diesem Ort offenbar über ein Jahrtausend hinweg zurückverfolgen. Kaum verwunderlich ist Burg Bentheim eine der ganz wenigen Höhenburgen der Tiefebene.
Die heutige Anlage ist allerdings vor Allem in der frühen Neuzeit entstanden, bevor größere Auseinandersetzungen - namentlich der Dreißigjährige Krieg, der hier, nahe der Grenze zu den holländischen Generalstaaten, ein achtzigjähriger war - an ehrgeizige Bauprojekte nicht mehr denken ließen. Den Burgherrn zum Leid, dem Besucher des einundzwanzigsten Jahrhunderts zur Freude; so blieb das Ensemble im Wesentlichen intakt, von den historistischen Ausschmückungen des Kaiserreichs (Neuschwanstein im Emsland) mal abgesehen.



Auf jeden Fall müssen wir zur wärmeren Jahreszeit noch mal hin. Nicht auszuschließen, dass die Barockgärten dann noch inspirativer daherkommen.



Bis dahin aber - wenn nicht gar früher - bleibe ich für heute Ihr und Euer


Stephan M. Rother

PS: Aus irgendeinem Grunde scheint man in der Schweiz an der eBook-Version des Babylon-Virus einen Narren gefressen zu haben - bei bol.ch war's mehrere Tage in den Verkaufs-TopTen. Ich werde weiter berichten.

Sonntag, 21. November 2010

And though I often passed them by

Ein bisschen hab ich schon Sorge, dass mir in nächster Zeit die Zitatzeilen aus Professor Tolkiens so unerhört inspirativem Wandergedicht ausgehen. Einige Kandidaten sind wohl sowieso nicht zu verwenden – East of the Sun, west of the moon z.B. wurde weiland von A-ha als Albumtitel adaptiert und könnte zu Missverständnissen führen. We’ll see. Ggf. muss ich ins Quenya wechseln.

Für dieses Mal jedenfalls dürfte der Betreff noch, nun, trefflich passen.

Wer kennt das nicht? Da fährt oder läuft man ein Dutzend Mal achtlos an irgendwas vorbei, kriegt es vielleicht gerade noch aus dem Augenwinkel mit und denkt sich: Hey, nächstes Mal schaust Du Dir das aber richtig an. Naja, und irgendwann geht’s dann wirklich ab East of the sun usw., und man ärgert sich eine halbe … okay, eine ganze … Ewigkeit, dass man das nie gemacht hat.



Entsprechend hatte ich in den letzten Tagen das Bedürfnis nach Nägeln mit Köpfen. Hängt sicherlich auch mal wieder mit der Jahreszeit zusammen. Wenn wir die Wetterprognosen verfolgen (und ich verfolge sie intensiv), dürfte es mittelfristig deutlich ungemütlicher werden (was dann vielleicht keine dermaßen gewagte Prognose ist Ende November).



Eine ganz seltsame Sache ist es mit Bardowick. Der „Dom“ in dem sympathischen Flecken nördlich von Lüneburg kann ja stellvertretend für ein eindrucksvolles Kapitel der Geschichte stehen: Heinrich der Löwe, Herzog von Sachsen und Bayern i.R., kehrt nach jahrelanger Verbannung in die Heimat zurück und beschließt, dort weiterzumachen, wo er aufgehört hat. Nachbarn und Standesgenossen drangsalieren usw., Machtpolitik im mittelalterlichen Maßstab. Und nicht allein wegen der hübschen Alliteration, sondern auch, weil es ihm ein Dorn im Auge ist, dass die Stadt seinen vom Kaiser eingesetzten Nachfolger, den Askanier Bernhard, unterstützt.



Die Details der Einnahme Bardowicks – ein Ochse, der den Mannen des Herzogs eine Furt durch die Ilmenau gezeigt haben soll – mag man in den Bereich der Fama verweisen. Anderes ist immerhin gesichert: vestigia leonis lässt Heinrich am Bardowicker Dom verkünden: die Spur des Löwen. Und er hat gewaltig zugetappst, der Löwe. Die Siedlung erholt sich nie wieder vollständig. Gewinner ist das von Heinrich und seinen Nachkommen protegierte Lüneburg. Einzig bleibendes Zeichen einstiger Größe ist der Dom, obwohl auch der erst zweihundert Jahre später in seiner jetzigen Form entstanden ist. Vermutlich wollten die Bardowicker noch mal ein Zeichen setzen. Ist gelungen. Auch wenn’s schon recht finster war, als ich dort eintraf.



Das Entscheidende ist, dass ich's diesmal wirklich geschafft habe. Von Ferne betrachtet habe ich das gute Stück nämlich bereits mehrfach (von der A 250 aus ist es recht gut auszumachen) - aber eben nur wie Moses das Gelobte Land. Wobei es so ganz noch immer nicht geklappt hat, Kanaan-technisch. Ab 16 Uhr ist die Kirche verschlossen. Die oben dokumentierte Lichtverhältnisse geben vielleicht eine ungefähre Ahnung, wie spät es war. Genau. Sechzehn Uhr sieben. Sie sind verdammt pünktlich, die Bardowicker. Vielleicht war's das ja, was dem Löwen so auf den Senkel ging.



Etwas heller sah es dagegen vergangenes Wochenende aus, im wahrsten Sinne des Wortes. Meine Frau und ich hatten uns trotz subtropischer Luftmassen entschlossen, eine Exkursion zum „Höllberg“ zu unternehmen. Zu dieser Anhöhe habe ich eine besondere Beziehung, als Mensch und Autor gleichermaßen (wobei streng genommen nicht wenige Autoren nebenher auch Menschen sind). Geologisch gesehen ist der Höllberg Teil des Endmoränenriegels, der das Uelzener Becken nach Süden hin abschließt. Gleichzeitig stellt er beinahe die Verbindung zwischen den eindrucksvollen eiszeitlichen Fomationen der Hohen Heide und dem Drawehn im Hannoverschen Wendland her. Und dieses Beinahe ist entscheidend, denn ihm verdankt der Höllberg schon seinen Namen: Die Wurzel Hell- kann in älteren Schichten des Niederdeutschen nämlich für einen steilen Abgrund, eine tiefe Kuhle stehen, nicht selten also für einen Quellort. Einen Ort, an dem etwas verborgen ist (im ‚Adler der Frühe’ zum Beispiel Magister Wasmod von dem Knesebeck). Ein Ort von jener Sorte ganz besonderer Magie, die es mir bekanntlich angetan hat. Den Altvorderen sowieso – wie sich der Begriff der christlichen Hölle entwickelt hat via Zugang zum Totenreich, ist nachvollziehbar.



Hinzu kommt aber bei diesem besonderen Höllberg die biographische Verknüpfung. Am Südhang des Höllbergs hat schon meine Mutter „nach dem Krieg“ das Fahrradfahren gelernt (ist wirklich eine recht steile Strecke, schwer einsehbar; wie manche Leute da fahren, hat man den Eindruck, es könnt’ ihnen gar nicht schnell genug gehen mit der Hölle). Am eindrucksvollsten ist allerdings der Westhang der Anhöhe, der Punkt nämlich, an dem die Ilmenau von Süden her die Endmoränenstaffel durchbricht und ins Uelzener Becken eintritt. Eindrucksvoll natürlich nach Maßstäben der norddeutschen Tiefebene! In Nordostniedersachsen darf man keine Loreley erwarten.
Ich selbst wollte mir den Ort jedenfalls unbedingt mal wieder ansehen, nachdem ich – zumindest am Ostufer des Flusses – zuletzt vor fünfundzwanzig oder dreißig Jahren mit meinem Großvater dort war, dem Meister Emil aus dem ‚Adler der Frühe’. Heute wüsste ich zu gerne, ob er auch „diesen Blick“ hatte. Leider hat er das nie verraten, mir jedenfalls nicht. Er schätzte mich nicht sonderlich. Damals waren wir zum Schwimmen hier, was uns als Kindern sehr, sehr abenteuerlich vorkam – und vermutlich auch ziemlich abenteuerlich war, wenn auch vor allem auf Grund der Wasserqualität zu diesem Zeitpunkt.



Diesmal jedenfalls war alles anders. Auch hier möchte ich über den Besuch selbst nicht zu sehr ins Detail gehen. Die Bilder, denke ich, sprechen für sich. Copyright der Höllberg-Fotos by meine Frau.

Ich muss da unbedingt in den nächsten Monaten noch einmal hin. Die Frage ist eigentlich nur, wie stark die Schüttung der Druckhangquellen nun wirklich ist. Auf den ersten Blick sieht’s nicht so gewaltig aus, aber wir haben im Wasser Stichlinge gesichtet, und die sind eigentlich recht empfindlich. Doch wir werden sehen. Wenn das Gewässer leidlich still ist, bekommen wir dann zumindest ein wenig Variation im Betreff … „Hell freezes over“.

Bis dahin, wenn nicht vorher, bleibe ich Ihr und Euer


Stephan M. Rother

PS: Mein aktuelles opus, due out im Herbst 2011, bin ich jetzt auf Romanlänge. Doch davon mehr – demnächst.

Donnerstag, 11. November 2010

Von Liebe und Bettkanten

Einen interessanten Service bietet neuerdings das Forum Lovelybooks - Bestenlisten der besonderen Art nämlich.

Ich gebe zu, ein kleines bisschen wird mir schon warm ums Herz, wenn ich feststelle, dass ich dort in der Kategorie "Diese Autoren mögen ihre Leser" auch ein kleines Plätzlein gefunden habe (gegen Ende, auf Platz 29, den ich mir mit sechs anderen Autoren teile. Also noch mehr herzerwärmende Nähe). Gut, ich habe drei Punkte bekommen, Sebastian Fitzek hat schlappe hundertfünfzig, aber trotz alledem ... Der hat schließlich auch Haare. Unfairer Vorteil. Kein Wunder, wenn ihn dann ...

Entschuldigung. Jetzt kam gerade das böse Erwachen. Für einige Sekunden war ich dann doch ein wenig verschnupft, als ich diese andere Kategorie entdeckte: "Autoren, die wir nicht von der Bettkante stoßen würden". Und wer ist nicht dabei? Moi!


Aber dann hab ich gesehen, dass dort sowohl xx. xxxxxxxx xxx xxxxxxxxxxxx* als auch Professor Tolkien seligen Gedächtnisses auftauchen - und überlege seitdem, was ich eigentlich gruseliger finde. Vielleicht geht's in diesem Fall dann doch um sehr individuelle Befindlichkeiten.

Warum erscheint da eigentlich Diana Gabaldon nicht? Die ist doch wirklich niedlich. Und meine Frau??? Banausen! Wisst Ihr nicht, dass meine Frau auch schreibt?

Davoneilend, um die Sorgen in heißem Kakao zu ertränken bleibe ich an dieser Stelle Ihr und Euer


Stephan M. Rother

* Name getilgt. Meine Frau hat mir untersagt, lebende Kollegen zu beleidigen. Muss ich durch. Hey, Welt. Dann glaub' eben weiter, dass ich mit dem Kerl ins Bett will.

Montag, 8. November 2010

Street-View

Unheimliche Begegnungen Teil II? Ein Titel, der für diese kurze Zwischenmeldung vielleicht ebenso geeignet gewesen wäre.

Wie jüngst berichtet, sind Lucy und ich ja viel unterwegs in letzter Zeit - wobei das bei den aktuell vorherrschenden Temperaturen heuer nicht immer und unter allen Umständen ein reines Vergnügen ist. Auf der anderen Seiten begegnen uns - dem Roller und mir - dann aber doch immer mal überraschende Ein- und Ansichten.

Die Leser des ersten Dorian Grave-Bandes werden sich vielleicht an die Szene erinnern, in der Hauptkommissar Rabeck und sein Assistent Yawuz "Parzival" Cornelius Waldlingens Starautor Rainer Hartheim aus einer Art Hochsicherheitsgefängnis des Staatsschutzes loseisen. Wobei dieses Gefängnis kein echtes Gefängnis ist, sondern dieser Tage ein Stück weit im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht - als Einsatzzentrale im Rahmen des Castor-Transportes ins Endlager Gorleben. Entsprechend viel ist gegenwärtig auch hier im Ort los.
Aufgenommen heute Nachmittag - ein wenig verwackelt wegen Helm und Visier.



Bei der Castor-Angelegenheit schlagen ein Stück weit - aber auch nur ein Stück weit - zwei Herzen in meiner Brust. Zum Einen bin ich wie jeder denkende Mensch der Meinung, dass Atomenergie eine gefährliche und kaum zu verantwortende Angelegenheit ist. Wer auch immer das zum Ausdruck bringt, hat meine Unterstützung. Auf der anderen Seite legitimiert der Ausdruck einer Meinung in meinen Augen keine Gewalttätigkeiten. Wenn irgendwelche Menschen anfangen, das Gleisbett zu unterhöhlen, auf dem in allernächster ein Gefahrguttransport stattfindet, wenn versucht wird, bemannte Einsatzfahrzeuge der Hoheitsgewalt anzuzünden - dann gibt es für mich keine Grauzone mehr. Dann fehlt mir jedes Verständnis. In solchen Momenten überkommt mich ein gewisses Unwohlsein, dass die Vertreter der Staatsgewalt oft etwas schlecht wegkommen in meinen Romanen.
In diesem Moment jedenfalls stehe ich vollständig auf ihrer Seite.

Ich musste das einfach mal loswerden.

Sonntag, 31. Oktober 2010

Ab geht die Lucy ...

... zwar nur mit maximal 45 Sachen (nominell), aber wenn man sich, verehrte Leserschaft, sein Leben lang immer nur auf vier Rädern bewegt hat (zumindest in der motorisierten Variante), ist auch das schon ein ganz beachtliches Erlebnis. Für die Mitmenschheit sowieso.

Ich möchte vorstellen: Lucy.



Nein, nicht das Wesen im Sattel. Das bin ich. Lucy ist technisch gesehen eine Generic Ideo 50, theoretisch ein exorbitant großes Geschenk zu meinem zweiundvierzigsten Wiegenfest und praktisch ein Beitrag zur Erhaltung meiner körperlichen wie geistigen Gesundheit. Wir hatten uns ja - wie, zugegeben, an dieser Stelle nicht berichtet - Anfang des Jahres entschlossen, den Zweitwagen, den fossile Rohstoffe verschlingenden, abzuschaffen. Und das Gegenstück braucht meine Frau für den Weg zur Arbeit. Aus der Not eine Tugend machend waren dann diverse Wanderungen meinerseits die Folge und eine damit einhergehende intimere Kenntnis des Gebiets in fünf Kilometer Umkreis um meinen Schreibtischstuhl. Nicht, dass ich das nicht genossen hätte, doch liegen die Dinge nun einmal so, dass sich der eine oder andere Ort, der mir eine Menge bedeutet (wir erinnern: Mönche, Nebelmonster, feuerspeiende Drachen), doch eher in fünfzehn oder zwanzig Kilometer Entfernung befindet. Sprich: Ein bisschen weit, um pünktlich zum Christstollen wieder zurück zu sein. Es sei denn, wir ahnen es, mit Lucy.

Entsprechend ist es mir in den letzten Wochen dann auch gelungen, den einen oder anderen jener Orte aufzusuchen, die mir in der jüngeren Vergangenheit versperrt waren. Oder es vielleicht immer noch sind. Naja, theoretisch ...







Um es kurz zu machen: Diese Orte sind eine Inspiration für mich. Für das, was ich schreibe.
Keine Orte, keine Bücher. --> Keine Bücher, keine Einnahmen (für mich; nichts zu Lesen für Sie). --> Keine Einnahmen, keine Lucy. --> Keine Lucy, keine Orte.
So schließt sich der Kreis.

Ergo: Freuen Sie sich mit mir über unsere allerliebste Höllenmaschine.

Sie haben sie schließlich bezahlt.

Bis bald an dieser Stelle bleibe ich Ihr und Euer


Stephan M. Rother

Samstag, 25. September 2010

But round the corner there may wait

Wie unschwer zu erkennen, haben Professor Tolkiens Gedichte es mir im Moment mal wieder besonders angetan. Vielleicht liegt's an der Jahreszeit. Ich bin ja ein Zugvogel, und gerade wenn der Herbst mit Nebel und grauem Morgentau seine Fühler ausstreckt, hält es mich oft schwer auf den Hinterbacken.



Noch schwerer aber fällt das Umkehren. Wer die Karte der näheren Umgebung einigermaßen genau im Kopf hat, weiß zwar sehr genau, wohin dieser oder jener Weg führt, was dahinterliegt, wenn man jetzt rechts abbiegt, und dann, hinter der nächsten Wegbiegung ... Auch die größte Reise beginnt mit dem ersten Schritt, wie sich Mr Baggins/Beutlin äußerste. Zugvogel der ich bin habe ich meine Wanderungen jedenfalls fortgesetzt und bin dabei - Koinzidenz? - den Spuren der einen oder anderen Geschichte gefolgt, die der Leser möglicherweise kennt.

Ich habe die wichtigsten Schauplätze für den 'Adler', das 'Geheimnis' bzw. den 'Fluch des Dorian Grave' hier einmal zusammengestellt.
Eine größere Darstellung, auf der die Landmarken dann auch zu erkennen sind, findet sich hier.



Linien schwarz:
Asphaltierte Straßen (dick)
Fuß-/Reit-/Radwege (dünn)

Linien blau:
Elbe-Seiten-Kanal (dick)
Bachläufe (dünn)

Linien violett:
Bahnlinien

Symbole rot:
Siedlungen

Örtlichkeiten mit Bezug zum „Adler der Frühe“ (grün)
1) *Kloster Hartheim
2) Burg Bodenteich
3) Angriff auf Schwester Agnetha und Bruder Bjørn (Topogr. Landesaufnahme 1771)
4) Meister Emils Schweinemast
5) Versteck des Magisters (Höllberg; Dt. Grundkarte 1:5.000 et al.)
6) Hügelland, Herrschaftsgebiet des Roten Drachen

Örtlichkeiten mit Bezug zum „Geheimnis des Dorian Grave“ (blau)
1) *Waldlingen / Klosterruine Hartheim
2) *Kerkendorf
3) Flowing Blackness – (Erdölförderanlagen beiderseits der Straße Dreilingen-Unterlüß; Dt. Grundkarte 1:5.000 et al.)
4) Sometimes right is really wrong – (Abzweigung Waldweg Richtung Süden)
5) Interlude – (Waldweg)
6) Train – (Bahnstrecke Hannover-Celle-Uelzen-Hamburg)
7) Forstort Schoten bei Hösseringen – (Versammlungsort der Lüneburgischen Ritterschaft; Schweinemast; Topogr. Landesaufnahme 1770)
8) Erhaltene Reste des Engelsweges mit Pflaster aus der frühen Neuzeit
9) Breitenhees (Fernstraßen aus Celle, Lüneburg und Braunschweig, der Hauptorte der Söhne Heinrichs des Löwen, treffen aufeinander)
10) Ort von Dorian Graves Unfall (nahe Suderburger Kreisel)
11) Ursprung des Daller Bachs bei Dalle und Lohe (Dt. Grundkarte 1:5.000 et al.)
12) Heutiges Aufeinandertreffen der Kreise Gifhorn, Uelzen und Celle
13) Mordahlsgrund
14) Ketzloh
15) Wolfswinkel
16) Albeloh
17) Eidesloh
18) Espenloh

Örtlichkeiten mit Bezug zum „Fluch des Dorian Grave“ (orange)
1) *Waldlingen / Klosterruine Hartheim
2) *Kerkendorf
3) Seishorn (Topogr. Landesaufnahme 1771); Saison (Dt. Grundkarte 1:5.000)
4) Steinschütte auf der linken Seite des Asphaltweges (Dt. Grundkarte 1:5.000; Urmesstischblatt von 1899 verzeichnet Hügelgräber)
5) Bannhorst (Dt. Grundkarte 1:5.000 et al.)

Anmerkung: Liebe potentielle Kirchenkiller. Natürlich bietet sich u.U. die Chance, mich an einer der dargestellten Örtlichkeiten ohne Zeugen um die Ecke zu bringen, wenn ich da mal wieder rumlaufe. Ich bitte aber zu bedenken, dass die Chance, dort auf mich gestoßen, bedeutend geringer ist als die Aussicht auf eine Begegnung mit a) Wildschweinen, b) untoten Mönchskreaturen aus dem Nebel oder c) dem Hartheimschen Familiendrachen.

Ich jedenfalls hatte in letzter Zeit einige höchst sonderbare Begegnungen.



Vor einigen Wochen hatte ich ja von unserer Aktion zum Adler der Frühe berichtet: Wir haben achthundert Exemplare des Romans an die Kurverwaltung in Bad Bodenteich übergeben, und sechs Euro von jedem verkauften Exemplar sollen den örtlichen Naturschutzprojekten zu Gute kommen. Zugegeben: Eine Prise Egoismus ist natürlich auch dabei; schließlich laufe ich da ständig rum und freue mich dran. Doch in den letzten Wochen wollte ich ganz bewusst Örtlichkeiten aufsuchen, die im Adler-Roman eine besondere Rolle spielen: Das Hügelland, über das der Rote Drache herrscht, Magister Wasmods Zufluchtsstätte oberhalb der Ilmenau, wo es zu jener unerwarteten Begegnung mit dem *hüstel* Schwertkämpfer kommt, aber als Fernziel auch jenen Ort, der damals "Hartheim", in späterer Zeit aber "Waldlingen" genannt wird - in "dem Kosmos", versteht sich. Eine liebe Freundin bezeichnet das Grave-Universum als "Kosmos", und ich finde immer mehr Gefallen an dieser Bezeichnung.



Jedenfalls war ich vergangene Woche in einem besonderen Winkel dieses Universums unterwegs, an der Magister-Schwertkämpfer-Begegnungsstätte nämlich, die sich bei genauer Lektüre als der Höllberg identifizieren lässt, der sich am am Ostufer der Ilmenau unweit des Dorfes Overstedt erhebt. Zu Fuß ist das ein Spaziergang von vielleicht anderthalb Stunden hin und zurück; und das Schöne ist, dass ich auf diese Weise ein Gefühl dafür bekomme, wie das für Schwester Agnetha und den, yep, Schwertkämpfer ausgesehen haben mag. Nun billigt der Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz dem Ilmenaulauf zwischen den Dörfern Overstedt und Kuckstorf lediglich die Strukturgüte IV zu ("deutlich veränderter Gewässerabschnitt"), aber für mich sieht's einigermaßen urig aus (lediglich die Betonbrücke stört, die vermutlich ein älteres hölzernes Bauwerk ersetzt, das auf dem Urmesstischblatt von 1877 zu erkennen ist).



Als ich diesen Pfaden folgte, befand ich mich auf eine seltsame Weise inside the story, sah vor mir, wie Schwester Agnetha und ihr Begleiter ihre Pferde den steilen Hügel hinabtreiben, erst unten im Dorf am Schöpfbrunnen wieder Halt machen ... Den Schöpfbrunnen habe ich mir dabei einen Ort weiter geliehen, in Häcklingen, aber wir dürfen wohl davon ausgehen, dass zu Schwester Agnethas Zeit in Kuckstorf ein Gegenstück vorhanden war.

Sonst jedenfalls war alles da: die steile Anhöhe, der Platz unter den alten Eichen, die beiden Reiter ... Die beiden Reiter?

(Herzlichen Dank an die zwei- und vierbeinigen Angehörigen der Familie Fuhrmann für die Fotoerlaubnis).

Yep. Ich war dermaßen perplex, doch ich musste sie einfach im Bild festhalten, obwohl ich ins Stottern kam, als ich meine Beweggründe erklären wollte - bis eine der Damen plötzlich blinzelte: "Sie sind doch Herr Rother?" Die Antwort, ein korrigierendes "Ich bin der Geist, der stets verneint", blieb mir im Halse stecken. An und für sich war ich der Meinung, ich hätte mich wie üblich bis zur Unkenntlichkeit getarnt (weniger wegen der Passanten; aber beim Drachen weiß man nie, ob er nicht noch ein Hühnchen mit mir zu rupfen hat. Und dieser Kerl im dunklen Mantel - auch da lässt sich schwer sagen, wo und vor allem wann er ist).



Wie auch immer ... Die Dame wandte sich an ihre Begleiterin (Tochter): "Das ist dein Schriftsteller!" und es entspann sich ein kleiner Dialog über die Dorian Grave-Bände. Ein seltsames Erlebnis. Ich musste wieder an Rilkes Charakterisierung der 'Buddenbrooks' denken, über das Leben, das gut und gerecht ist, indem es geschieht. In Wahrheit sind wir tatsächlich inside the story.

Einige Tage später. Der 22. September, Bilbos und Frodos Geburtstag. Das war mir gar nicht bewusst, but round the corner ... Diesmal in Richtung Waldlingen und Danlo, wo Nebelkreaturen hausen und eine spezielle Form der Elektrizität. Gut, das Wetter war klar und sonnig, aber der Turm war mir schon aus anderthalb Kilometer Entfernung ins Auge gefallen, aber als ich dann davor stand, war ich doch wieder sprachlos (was den Turm weniger irritiert haben dürfte als die Reiterinnen).




Erscheint es verwunderlich, dass ich dieser Tage einigermaßen inspiriert bin in Sachen Schreiben?

Bis zum nächsten Mal bleibe ich Ihr und Euer

Stephan M. Rother

Dienstag, 7. September 2010

The road goes ever on and on

EINS. Verdammich, verehrte Leserschaft, da hab ich doch was großspurig angekündigt, und dann ist’s doch irgendwie untergegangen … Wir erinnern uns: Hier in meinem Büro gibt es eine Reihe von Schubladen (die beiden unteresten klemmen ein wenig), in denen ich Manuskripte und Entwürfe sammle, die im Laufe der *schauder* bald drei Jahrzehnte angefallen sind, in denen ich jetzt schreibe. Neben Romananfängen und drei oder vier vollständigen Romanmanuskripten, die (maybe for the best) bis heute nicht erschienen sind, verstecken sich dort auch eine Reihe von Geschichten aus dem „Waldlingen-Universum“, an dem ich ja seit unter dem Strich schon seit zwei Jahrzehnten zu Gange bin. Da es in diesem Jahr nun keinen neuen Dorian Grave-Band gibt und ich gleichzeitig von den Kettenlesern angesprochen wurde, ob ich nicht Lust hätte, etwas zu ihrer Sommeraktion beizutragen, habe ich das Konvolut einmal ein wenig entstaubt und eine Story ausgewählt, die mir zum Thema Sommer und Urlaub recht gut zu passen scheint – oder gerade nicht? Die Leserschaft möge selbst entscheiden.
„An der Grenze“ ist siebzehn Jahre vor „Das Geheimnis des Dorian Grave“ angesiedelt und damit vor Leonies Geburt. Vertraute Gesichter kann ich trotzdem versprechen. And here it is:

http://www.kettenleser.net/forum/index.php?page=Thread&threadID=569



Sarah und Katja von den Kettenlesern haben uns übrigens vergangenen Monat hier in unserem Domizil ihre Aufwartung gemacht und mich mit neugierigen Fragen rund um Leonie, Dorian, aber auch um Amadeo Fanelli und Professor Helmbrecht gelöchert. Sobald das Interview online nachzulesen ist, werde ich … Hm, vielleicht sollte ich den Mund nicht zu voll nehmen diesmal. Aber ich geb mir Mühe; zumindest das ist versprochen.

Es sind ereignisreiche Wochen im Moment. Vielleicht wäre es sinnvoller, häufiger einmal kleinere Bloghäppchen einzustellen, wenn es Neues mitzuteilen gibt (vermutlich ist das ja gar der grauenhafte Sinn der Bloggerei). Jedenfalls, Punkt zwei des heutigen Sermons betrifft eine Aktion, die mir sehr, sehr am Herzen liegt:



ZWEI. Vor ziemlich genau zehn Jahren (ein Monat fehlt noch) ist mein Debütroman „Der Adler der Frühe“ in einem kleinen Mittelalter-Verlag erschienen. Nun war dieses Buch – wohl aus Vertriebsgründen – niemals in größerem Ausmaß im Buchhandel erhältlich; in den letzten Jahren faktisch gar nicht mehr. Ich habe das immer sehr bedauert, der Verlag sicher noch viel mehr (er hat’s schließlich finanziert). Schließlich trägt sich die Handlung der mysteriöse Geschichte an keinem geringeren Orte zu als hier. Ja, genau hier, im Marktflecken Bodenteich. Allerdings nicht jetzt, sondern im Jahre des Herrn 1292. Dabei ist die Geschichte aktueller denn je.



Wer den „Fluch des Dorian Grave“ konsumiert hat, wird dort einem geheimnisvollen, wechselweise Latein, Arabisch und Hebräisch sprechenden Schwertkämpfer begegnet sein, und genau dieser Schwertkämpfer … Aber ich will nicht zu viel verraten. Gut informierte Kreise behaupten jedenfalls, dass die unheimlichen Erlebnisse der Augustinernonne Agnetha, der Amme Annafrid, des Undercover-Franziskaners Bruder Björn und des Schmiedes Benno die Lektüre lohnen. Seltsame Namen? Hey, das Pferd heißt „Fernando“. Noch Fragen? Aber ich glaube, das hab ich alles schon einmal erzählt.



Worüber ich nun noch nicht berichtet habe, ist Folgendes: Nachdem es mir gelungen ist, die Restauflage des „Adlers“ komplett vom Verlag aufzukaufen, war die Frage, was ich damit anfange. Wie gesagt, das Buch ist gut, aber ich brauche keine achthundert Stück davon. So entstand der Plan zu einer außergewöhnlichen Aktion:
Die Handlung des Romans trägt sich wie gesagt in Bodenteich zu, und der … nennen wir ihn weiter den Schwertkämpfer; ich will nicht zu viel verraten … Der Schwertkämpfer ist sehr viel in eben jenen Wäldern unterwegs, durch die auch mich meine Expeditionen führen. Ein wenig menschenscheu ist er auch (wobei ich immer höflich grüße; große Teile der Population erwidern das auch, Einzelfälle, Rehe, Nacktschnecken ausgenommen) … Er ist ein Kräuterkundiger, dieser Schwertkämpfer, steht mit dem Tanacetum und dem Febrefugiam auf Du und Du, versteht sich auf den Flug der Greifvögel. Das Gebiet unseres freundlichen Kurorts muss in jener Zeit tatsächlich auf weite Strecken einem gigantischen Erlenbruchwald geglichen haben mit Heide (hierzulande faktisch eine Kulturlandschaft; durch Rodung entstanden) und Wald in den höher gelegenen Regionen. Eine Landschaft von ganz eigener, urtümlicher Faszination, die heute bis auf kleine Reste verschwunden ist. Diese Reste (einige Aufnahmen der letzten Wochen illustrieren diesen Beitrag) zu erhalten, ja, mitzuhelfen, begradigte Bachläufe in ihren natürlichen Zustand zurückzuführen, den Eisvögeln eine Heimat, Fledermäusen ein Quartier für den Winter zu geben … tausend Dinge, die mir am Herzen liegen. Daher die angesprochene Aktion.



Von jetzt an ist der Adler der Frühe wieder erhältlich. Nicht mehr für den ursprünglichen Preis von 8,59 Euro, sondern für glatte sieben Euro. Allerdings nur bei der Kurverwaltung auf der Burg zu Bad Bodenteich, die sechs Euro vom Verkaufspreis den Naturschutzprojekten rund um das Gelände zuleiten wird. Ein großer, gewaltiger Kreis, wie ich ihn liebe: Eine siebenhundert Jahre alte Geschichte leistet ihren Beitrag, ihr eigenes Erbe zu bewahren. Leider habe ich noch nicht herausgefunden, wo ich sehen kann, wie viele Leser auf mein Blog zugreifen, aber die Profilseite wurde wohl etwa sechshundert Mal angeklickt. Man stelle sich vor, die würden alle das Buch kaufen! Das wären dreineinhalbtausend Euro!!! … Da muss 'ne Fledermausoma lange für stricken. Deshalb meine Bitte: Wer schon immer mal ein Buch von diesem seltsamen Menschen lesen wollte, der sich da alle paar Wochen im Blog zu Wort meldet: Der Adler der Frühe ist jetzt zwar zehn Jahre alt, aber wirklich noch lesenswert. Bestellungen nimmt die Kurverwaltung Bad Bodenteich entgegen:

Kurverwaltung Bad Bodenteich
Burgstraße 8
29389 Bad Bodenteich

Telefon 05824 / 3539
Mail t.nowotny@bad-bodenteich.de



DREI. Noch gut ein Monat bis zur Buchmesse – und zum Erscheinen des „Babylon-Virus“. Ein neues Abenteuer mit Amadeo, Rebecca und dem Professor. Selbstverständlich werden wir in Frankfurt sein – nähere Details folgen. Ich freue mich wieder auf tolle Gespräche mit Euch und Ihnen, bleibe aber jetzt erst einmal in bewährter Weise Ihr und Euer


Stephan M. Rother