Samstag, 14. März 2009

What a mess (4)

Ich hoffe, wir kommen diese Nacht mit der Klimaanlage klar, hier in unserem Hotel in Spuckweite der Messe. Der Baumhaus Verlag hat uns angenehm untergebracht, aber irgendwie haben wir die letzten Nächte jeweils bei 23 Grad verbracht. Pures Unvermögen, ich weiß ... Technik ist nicht meine Welt, aber meine Frau kommt in aller Regel gut damit klar. Tobi aus den Dorian Grave-Romanen ist ihr in mancher Hinsicht sehr viel ähnlicher als mir. Allerdings nur in mancher. Über Mr Grave und seine Abenteuer wird es übrigens demnächst wieder eine Menge zu berichten geben ...

TIME OUT

Zurück aus Dresden und dem Elbsandsteingebirge - und voller neuer Eindrücke, Daten, die verarbeitet werden wollen. Ein Besuch auf der Festung Königstein sei jedem angeraten, der sich mit dem Gedanken trägt, irgendwann einmal epische Fantasy zu schreiben. Diese Art von Inspiration ist mit keinem Geld der Welt zu kaufen - und nebenbei: Über die Preise, das ist uns aufgefallen, kann man nicht meckern im Freistaat Sachsen.

Kaffee auf den Brühlschen Terrassen, ein Besuch in der Frauenkirche, die tatsächlich mit einem Theater mehr Ähnlichkeit hat als mit einem Gotteshaus ... ich werde ausführlich berichten, sobald mir das Bildmaterial vorliegt.

TIME IN

Bis dahin kann ich nur auf die kommenden Einträge vertrösten - besonders freue ich mich auf alle Leser, die ich morgen persönlich kennenlernen werde. Bitte auch zu erkennen geben, nicht wieder hinterher "Übrigens, ich war auch dabei. Pinkes Halstuch, vierte Reihe." So intensiv nimmt man das Publikum einfach nicht wahr, nicht so individuell, sondern eher als kollektiv. Und ich kann dann auch nicht ahnen, dass der Herr, der mir das Navigationssystem auf der Cebit erklären wollte, immer mal bei meinen Veranstaltungen war. Unsere Wahrnehmung (unsere, also pauschal, als Menschheit) ist da selektiv: Wir erkennen Menschen wieder, wenn wir ihnen an dem Ort begegnen, an dem wir mit ihnen rechnen. Meiner Apothekendame begegne ich in letzter Zeit an den unmöglichsten Örtlichkeiten - und erkenne sie jedes Mal einen Augenblick zu spät. Letztes Mal bin ich dann einfach schreiend hinterhergelaufen.



Langer Rede kurzer Sinn: Wer dabei sein möchte bei der Buchmessenpremiere des 'Mantels der Winde" - morgen 10 Uhr 15, Halle 2, Lesebude 1. Ich freu mich und bleibe bis dahin Ihr und Euer


Stephan M. Rother

What a mess (3)

Entwarnung, verehrte potentielle Leserschaft: Ich war nicht das Hauptgericht. Wir hatten sogar einen richtig schönen Abend, nachdem es uns in lächerlichen anderthalb Stunden gelungen war, die acht oder neun Kilometer von der Messe bis ins Leipziger Barfußgässchen zurückzulegen. Nie wieder Leipzig Innenstadt am Messefreitagabend! Ich erinnere mich an eine Lesung, die 2006 geplant war, damals für "Der Weg nach Altamura". Nach stundenlanger Irrfahrt musste ich da das Handtuch werfen, ohne Navigation. Gut, inzwischen hab ich eine Navigation - und eine Ehefrau (die hatte ich auch 2006 schon, nur seinerzeit nicht auf dem Beifahrersitz) - und die wollte ich nicht enttäuschen.

Heute gönnen wir uns einen Tag Auszeit. Das haben wir uns verdient. Das Elbflorenz ruft ... mir schwebt da ein Projekt vor ... doch darüber, verehrte potentielle Leserschaft, werde ich im Anschluss berichten.

Bis dahin bleibe ich Ihr und Euer


Stephan M. Rother

Freitag, 13. März 2009

What a mess (2)

Und schon, verehrte potentielle Leserschaft, liegen die Lesungen in Gundorf und der Lindenhof-Schule hinter uns. Gleich vorweg ein ganz großes Dankeschön an die Damen aus Gundorf, die uns postwendend Momentaufnahmen vom Auftritt heute Morgen haben zukommen lassen. Hier ein erster kleiner Eindruck:



Der Betrachter wird feststellen - wir hatten einen Riesenspaß, auch wenn ich irgendwie aussehe wie ein Geschöpf von Hieronymus Bosch aus der "Musikalischen Hölle" (da gibt's auch so ein Vieh ohne Hals). Das junge Publikum ist jedenfalls super mitgegangen! In der Lindenhof-Schule hat mich außerdem beeindruckt, wie die Schüler an dieser Förderschule, die sich zum Teil an geistig behinderte junge Menschen wendet, ganz konkret das "einer trage des anderen Last" leben. Wie sie lernen, füreinander einzustehen, einander zu helfen. Für mich wird das eine bleibende Erinnerung sein, die ich nicht missen möchte. Wir hatten ein tolles Publikum und freuen uns schon, einige Zuhörer am Sonntag beim Abschlussauftritt auf der Messe wiederzusehen.

Heute Nachmittag hatten wir dann noch eine kurze aber umso herzlichere Begegnung mit meinem Freund und Agenten Thomas Montasser - ich hab mich irrsinnig gefreut, dass er uns noch nachgespurtet ist, nachdem ich ihn auf seiner Lesung als Fortunato nur einige wenige Minuten erleben konnte. Dann nämlich hatte mich Frau Dick vom Baumhaus Verlag auch schon adleräugig erspäht: Fototermin bei Lübbe. Ich habe gerade zehn Minuten damit zugebracht, die Spachtelmasse wieder aus dem Gesicht zu entfernen, aber es war eine angenehme Arbeit mit Olivier Favre und seinem Team. Besonders interessant: Ich wurde gemeinsam mit Pater Karl aus dem Kloster Heiligenkreuz zum Fototermin gebeten. Pater Karl macht in letzter Zeit mit seinen Gregorianik-Projekten von sich reden. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es mir gelungen ist, ihm den Begriff des "Manga" überzeugend nahezubringen, aber er wollte einfach wissen wer diese Leute in den interessanten Kostümen sind. Das war schon sehr offen. Unter uns: Ich hatte irgendwie den Eindruck, dass ein großer Teil der Manga-Fans und Cosplayer den Pater für einen waschechten Rollenspieler hielten. So lange ich dabei war hat ihn allerdings niemand angesprochen: "Was spielst'n du für'n Charakter?"

Und auch meine eigenen Projekte haben ja immer einen gewissen monastischen Aspekt, von der Ebstorfer Weltkarte im Dorian Grave über die Kreuzbrüder im Mantel der Winde bis hin zur Letzten Offenbarung - die spielt ja sogar im Vatikan! Es ist alles eine Frage des Lichts.

Das schwindet jetzt allmählich vom Himmel. Für heute Abend ist ein Autorenessen mit den Baumhäuslern angesetzt. Ich werde, verehrte potentielle Leserschaft, darüber berichten - so lange ich nicht doch als Hauptgericht faktoriert sein sollte. Die legten so verdächtig viel Wert darauf, dass ich zugegen bin ...

Bis dahin aber bleibe ich mit einem herzhaften Mahlzeit! Ihr und Euer


Stephan M. Rother

Donnerstag, 12. März 2009

What a mess (1)

Und damit, verehrte potentielle Leserschaft, sind wir auf der Leipziger Buchmesse angelangt. Der Himmel hat bereits bittere Tränen vergossen ob unserer Ankunft, aber ansonsten war es ein sehr schöner erster Messetag heute.

Den 'Mantel der Winde' in der Hand zu halten - es ist immer wieder ein Wunder. Monatelang treibt einen eine solche Geschichte um, die Abenteuer des Jungen Darek und seiner illustren Gefährten im Reich der Winde, und dann auf einmal hält man ein richtiges B-u-c-h in der Hand. Es ist wunderschön geworden in diesem warmen Rot. Anne Bernhardis Illustrationen machen diese Geschichte noch einmal zu etwas ganz Besonderem. Morgen früh bzw. kurz nach Mitternacht, steht die erste Lesung an, um acht Uhr früh! Natürlich in einer Schule, der Grundschule Gundorf - die müssen ja, die Schüler ;) Anschließend geht es weiter zur Lindenhofschule in Leipzig. Und am Sonntag lese ich dann auf der Messe selbst. Wer dabei sein möchte: Sonntag, 10 Uhr 15 in der Lesebude 1, Halle 2.

Leipzig ist ein seltsames Pflaster - die Autoren treten sich gegenseitig auf die Füße. Wir haben Michel Friedmann gesehen und den Herrn Steinmeier von der SPD. Viel interessanter aber war die erste Begegnung mit einem sympathischen jungen Kollegen bei Baumhaus, Boris Zatko aus der Schwyz. Ein wirklich schöner Gedankenaustausch - ich behaupte, wir liegen auf einer Wellenlänge.

Lieber Corry, falls Du dies liest: Du hattest vollkommen Recht :)

Erwarten Sie, verehrte potentielle Leserschaft, gespannt die Entwicklungen der kommenden Tage. Wir tun es auch und werden weiter berichten.

Bis dahin bleibe ich Ihr und Euer


Stephan M. Rother

Samstag, 28. Februar 2009

Verkalkung, abnehmend

Ein ereignisreicher Monat, verehrte potentielle Leserschaft, geht zu Ende. Von Imbolc an hat es dann doch noch ein Weilchen gedauert, bis der Frühling sich ein bisschen geregt hat. Nicht, dass ich besonders viel davon mitbekommen hätte. Freiräume, scheint mir manchmal, muss man sich nicht eigentlich nehmen. Freiräume müssen erkämpft werden. Erholung kann eine verdammt anstrengende Sache sein.



Ein bisschen was habe ich mir dennoch gegönnt von der Sache, doch dazu später mehr.

Ereignisreich, schrieb ich eingangs, und das war dieser Monat nun wirklich.

Der Mantel der Winde ist im Druck. Die Geschichte des Jungen Darek, dem es aufgetragen ist, die Menschen des Mittleren Reiches mit den vier Winden der Welt zu versöhnen, wird mit einem wunderschönen Cover und liebevolle Illustration von Anne Bernhardi überraschen. Erste Lesungen auf der Leipziger Buchmesse sind bereits vereinbart.

Das Hörbuch zu Das Geheimnis des Dorian Grave nimmt ebenfalls Formen an, und wenn diese Formen auch nur ansatzweise nach meinen Vorstellungen geraten, dann wird das ein wirklich ungewöhnliche multimediale Aktion, auf die ich Ungeheuer - sorry - ich ungeheuer gespannt bin.

Vergangene Woche haben mich aber vor allem die Fahnenkorrektur an der Letzten Offenbarung in Atem gehalten. Treue Blogleser erinnern sich: Das Machwerk, über das ich vor etwa einem Jahr so ausführlich berichtet habe, bevor dann auf einmal andere Projekte, speziell der Grave-Roman, in den Mittelpunkt rückten, die dann tatsächlich vorher das Licht der Welt erblickten. Die Offenbarung ist aktuell für den November zur Veröffentlichung vorgesehen (und wir damit der Erfahrung nach zur Frankfurter Buchmesse Mitte Oktober vorliegen). Gedruckt wird allerdings jetzt schon, um Buchhandel & Journaille seelisch darauf vorzubereiten, was im letzten Jahresquartal die globale Wirtschaftskrise von den Titelseiten verdrängen wird ;)

Das eigentlich kreative Projekt allerdings, an dem ich gegenwärtig sitze, ist nach wie vor die Dorian Grave-Fortsetzung, die inzwischen auf gut zweihundert Buchseiten angewachsen ist und sich in einer Weise verhält, dass Wolfram von Eschenbach seine reine Freude dran gehabt hätte:

ouch erkante ich nie sô wîsen man,
ern möhte gerne künde hân,
welher stiure disiu mære gernt
und waz si guoter lêre wernt.
dar an si nimmer des verzagent,
beidiu si vliehent unde jagent,
si entwîchent unde kêrent,
si lasternt unde êrent.


Oder, wie in der heutigen Zeit, die alles schneller auf den Punkt bringen möchte, Britney Spears formuliert:

Everything is still a blur.

Mit anderen Worten: Diese Geschichte ist ein scheues Wesen und schwer zu zähmen. Doch ich glaube, dass es eine gewaltige Geschichte ist, der ich momentan in mehrfach fingiertem Zangenangriff zu Leibe rücke, unter anderem durch die Lektüre der Mitschrift einer Vorlesung von Karl Rahner aus dem Jahre 1959 zur dogmatischen Anthropologie, intensiven Studien geologischer Kartenserver, Auffrischung meiner Kenntnisse zu Siger von Brabant und den Quaestionen Friedrichs II. und Besuchen an Orten, an denen das Unsichtbare sichtbar wird, eingeschlossen Begegnungen mit Fledermäusen (sicher) und einem Wolf (ziemlich sicher).



Die Bullenkuhle bei Bokel, ist nicht etwa das Freibad der örtlichen Polizeidienststelle, sondern ein Erdfall, wie er in der Norddeutschen Tiefebene hin und wieder begegnet. Norddeutschland ist bekanntlich im Wesentlichen durch eine große Ladung Schutt bedeckt - Überreste vergangener Eiszeiten. Unter diesem Schutt aber verbirgt sich sehr viel älteres Gestein und unter Anderem auch Salzstöcke. Wie jedem Hypertonie-Patienten bekannt sein dürfte, ist Salz wasserlöslich, dass es eine Freude ist. Folglich sind unterirdische Salzstöcke ständigen Auswaschungen unterworfen. Im eigentlichen Sinne ist es also nicht der Zahn der Zeit, der hier nagt, sondern deren Rachen, gurgelnderweise. (Liest sich eigentlich ganz knorke. Vielleicht findet das in irgendeiner Form den Weg ins Buch). Jedenfalls: Ist der Untergrund dann einmal verschwunden, hat die Erde einen spontanen Einfall - den Erdfall. Und ein solcher, für norddeutsche Verhältnisse recht klein dimensionierter, ist die Bullenkuhle. Einer der wenigen Orte in meiner näheren Umgebung, in der sich etwas Älteres, die eigentlichen Knochen der Erde, deutlich bemerkbar macht.

Diesen Ort habe ich vergangenes Wochenende aufgesucht. Ein einzigartiges Erlebnis. Die Wege waren noch gefroren - ich bin in Pfützen eingebrochen, habe mich rund um die Kuhle durchs Gesträuch geschlagen und auf dem Rückweg habe ich einen Wolf gesehen. Nein, es war kein Reh. Ein Reh erkenn ich grad noch, wenn ich eins seh. Es war kein Fuchs. Dazu war es zu groß. Und auch kein Golden Retriever. Immer noch zu groß. Auch kein Schäferhund - wieder zu groß, und vor allem zu scheu. Ein waagerechter Schatten, waagerecht samt Schwanz, der in Höhe des Gutshofs Günne aus den Bäumen hervorbrach, fünfzig Meter vor mir den Weg querte und im Dickicht verschwand. Ich war baff. Viel zu baff, um auch nur Angst zu haben. Mittlerweile weiß ich, dass das auch überflüssig ist, und das Tier hatte definitiv mehr Angst vor mir als ich vor ihm.



Wunderschön fand ich die Formulierung, mit der Herr Grüntjens von der örtlichen Jägerschaft meine etwas besorgten Nachfragen beantwortet hat:

Freuen Sie sich über die Anwesenheit und genießen Sie die Spaziergänge mit dem Wissen, ein hochintelligentes, scheues und vorsichtiges Tier in unserer Heimat gesehen zu haben.


Ich bin mir noch nicht ganz sicher, was diejenigen, die tatsächlich in engem Kontakt mit dem Wald und der Natur stehen, die Förster und Jäger, in ihrer Gesamtheit von meiner persönlichen Art der Wahrnehmung halten. Es sind dieselben Orte, und ich behaupte, es ist ein ähnliches Gefühl - doch eine ganz andere Perspektive. Mein Großvater hätte das ähnlich gesehen wie diese Frauen und Männer. Der lief mit der Wünschelrute umher - der Leser mag ihm in der Figur des "Meister Emil" im Adler der Frühe begegnen. Auf jeden Fall war dies eine Begegnung, von der ich glaube, dass sie ein Verständnis in mir geweckt hat. Eine Begegnung, die kaum zufällig gewesen sein kann. Dieses Verständnis ist wichtig. Ich muss nicht nur wissen, ich muss spüren, worüber ich schreibe.



Dennoch lässt sich an der Bullenkuhle das Ältere, Vorzeitliche nur mittelbar erfahren. Die Erde stürzt ein, bildet ein (nach Schätzungen) fünfzehn Meter tiefes, moor- und wassergefülltes Loch. Doch es gibt existieren einige wenige Orte in Norddeutschland, an denen die Knochen der Erde zu Tage treten, namentlich der Kalkberg in Lüneburg und sein Gegenstück, der Kalkberg in Bad Segeberg (bekannt durch die Karl May-Festspiele). Letzteren, in dem sich die nördlichste natürliche Höhle Deutschlands verbirgt, habe ich vergangene Woche aufgesucht. Die Höhle ist im Winter nicht zugänglich - dort halten gegenwärtig etwa 21.000 Fledermäuse ihren Winterschlaf. Aber schon die Ersteigung dieser uralten Gipsformation (der "Kalk" ist hier genauso wenig echter Kalk wie in Lüneburg) war eine aufregende Erfahrung, die ich in den kommenden Wochen noch zu vertiefen gedenke, etwa durch einen Besuch im Noctalis - dem Fledermausmuseum zu Füßen des Berges.



Wir leben in einer Welt, verehrte potentielle Leserschaft, die erfüllt ist von ihrer ganz eigenen Magie. Wenn auch nur ein Schimmer dieser Magie ihren Weg auf die Seiten meiner Bücher findet, dann hat es sich gelohnt.

So sie mögen - Sie werden es erlesen.

Für heute bleibe ich Ihr und Euer


Stephan M. Rother

Montag, 2. Februar 2009

Joh. 1,5

Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht begriffen.

Gestern - oder heute - oder vielleicht auch vorgestern - oder zum anstehenden Vollomond - oder erst zum "Valentinstag" moderner Zeitrechnung galt es ein altes Fest zu begehen, das wir je nach weltanschaulicher Couleur als Imbolc, Mariä Lichtmess/Mariä Reinigung oder Murmeltiertag/Groundhog Day benennen dürfen. Oder einfach Jochen. Niemand kann mir verbieten, ein altes kirchliches Fest Jochen zu nennen oder unseren Kaffeevollautomaten Eberhard.

Jedenfalls ist Imbolc ein altes Frühlingsfest. Eine populäre etymologische Erklärung besagt, dass sich die Frühlingslämmer zu diesem Zeitpunkt noch "im Balg" (i.e. "im Leibe") des Muttertiers befinden. Die christliche Bedeutung des Datums funktioniert noch einmal anders, über Maria und ihre "Unreinheit" bis vierzig Tage nach der Geburt des Kindes. Nach dieser Quarantaine wurde dann die "Reinigung" begangen, Mariae purificationis. Vielleicht gibt es da einen fernen Reflex bis hin zu unserem Frühjahrsputz. Jedenfalls ist Imbolc ein Frühlingsfest, wenn sich der Frühling zuverlässig erfahrbar einstweilen nur an der Tageslänge festmachen lässt.

Das Licht aber ist zurück und der erste große Schritt zum Frühling getan.



Irgendwie war es tatsächlich ein winter of our discontent diesmal, der ganz pünktlich zu einem anderen alten Jahresfest, Samhain/Allerheiligen-Allerseelen/Halloween einsetzte, im Anschluss an unseren Abschiedsauftritt nach fünfzehn Jahren auf der Bühne, an das öffentliche Versterben der Figur Magister Rother. Im Rückblick glaube ich, dass das eine unangemessene Frivolität war. Vielleicht war mir selbst die Nähe zu dieser Bühnenfigur nicht klar - doch vielleicht war es dann auch umso wichtiger, diesen ganz deutlichen Schnitt gemacht zu haben. Und die folgenden Wochen und Monate voller Variationen auf das Thema Du bist keine zwanzig mehr waren deutlich. Wir werden sehen, vielleicht habe ich ja gelernt.

Das Seltsame ist, dass ich im Grunde an die Worte vom Oktober/November anknüpfen könnte: Ich bin hindurch. Und zum ersten Mal seit einer ganzen Weile habe ich das Gefühl, dass das, was ich schreibe, wieder wirklich gut ist. Kein it says nothing to me about my life mehr. Ich lese viel über Gauss und Vermessungen und Friedrich II., Kantorowicz und den George-Kreis und seine Wirkung auf die Stauffenbergs. Diese Dinge sind enger verflochten, als es auf den ersten Blick erscheinen mag, und es ist ... überraschend, aus welcher Inspiration Impulse entstehen können, in diesem Fall auf die Fortsetzung des
'Dorian Grave'
.

Die Winterstarre ist überwunden, das Lektorat für Der Mantel der Winde abgeschlossen, und das Jahresrad nimmt Fahrt auf.

Oder, wie mein lieber Sportlehrer zu sagen pflegte, wenn ich mir mal wieder übel den Schritt gequetscht hatte am Barren: Es wird, es wird!

Bis demnächst an dieser Stelle bleibe ich, verehrte potentielle Leserschaft, Ihr und Euer


Stephan M. Rother

Freitag, 23. Januar 2009

Auf ein Neues,

verehrte potentielle Leserschaft! Auf ein gutes neues Jahr für uns alle und auf eine Menge (oder sagen wir: Anzahl) neuer Projekte, die in den kommenden Wochen und Monaten das Licht der literarischen Welt erblicken wollen.

Das Hilfsverb ist dabei durchaus bewusst gewählt. Klar, "werden" läge am Nächsten, klingt aber immer so nach absoluter Sicherheit. Irgendwie verliert man den Glauben an die Prädestination mit zunehmender Einsicht in die Verlagsbranche. Protestanten dürften jedenfalls unterrepräsentiert sein in der Verlagswelt.
Auch "sollen" wollte ich besser vermeiden. Um ein "sollen" geht es - zugegeben - auch (schließlich unterzeichne ich ständig entsprechende Verträge), aber ich habe gerade in den letzten Wochen wieder gemerkt, dass sich nichts erzwingen lässt. Die besten Ideen, die Dinge, die sein sollen, die sind aus einem Impuls heraus da. Diese Geschichten "stehen" binnen zwanzig Minuten.

So auch meine aktuelle Arbeit, die Fortsetzung zu "Das Geheimnis des Dorian Grave".

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ich mit dem Wagen unterwegs war zu einem meiner Lieblingsorte, dem Kloster Mariensee nahe dem illustren Städtlein Neustadt am Rübenberge. Zu Mariensee siehe vor etwa einem Jahr an dieser Stelle. Da ich diesmal jedoch von Uelzen her kam und die Route über Munster gewählt hatte, entsprechend über die Autobahn anrollte, entschied ich mich, einmal eine andere Strecke zu erproben. Nicht via Mellendorf, sondern ... irgendeinen Namen wird das haben. Mellendorf lässt sich da gerade umgehen, allerdings auch das stimmungsvolle Örtchen Negenborn, das es auch noch zu erkunden gilt. Neun Borne - Quellen - dicht beieinander in alter Zeit; natürlich reizt mich das. Diesmal aber ...

Der Name des Dörfchens (im Grunde ist es nicht einmal ein Dörfchen) ist Dudenbostel. Ich spürte einfach: Da ist was. Dann sah ich das Straßenschild, linker Hand: "Rother Feld"! Und die Stimmung an diesem grauen, stürmisch-relativ-gesehen-milden Januartag ... Ein besonderer Ort. Trotzdem bin ich noch nicht ausgestiegen, sondern habe begonnen, mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln zu recherchieren.

Nicht allein, dass es auf dem Rotherfeld eine vorgeschichtliche Befestigungsanlage gibt. Nicht allein, dass diese Befestigungsanlage von einem Bächlein durchflossen wird, das aus einer nahegelegenen Quelle gespeist wird. Nicht allein, dass im Anschluss daran, am Brelinger Berg, ein geologischer Lehrpfad zur Entstehung der eiszeitlichen Landschaft existiert. Nein! Carl Friedrich Gauß unternahm Experimente auf dem Brelinger Berg! Hier wurde vermessen und ... ein faszinierendes neues Element deutet sich an! Ich habe den heutigen Nachmittag unter anderem damit verbracht, meine Kenntnisse über Castel del Monte aufzufrischen (siehe Foto).

Everything falls into place, verehrte potentielle Leserschaft. Ich summe und brumme vor Aufregung, laufe im Kreis um meinen Arbeitsplatz und habe seit mehr als achtundvierzig Stunden keinen Zigarillo angerührt; das kommte hinzu. Aber: Wir sind drin. Niemand, der ein Buch nur liest, kann ermessen, wie es sich anfühlt, wenn sich eines schreibt.

Wenn es sich schreiben will.

Bis zum nächsten Mal an dieser Stelle bleibe ich Ihr und Euer


Stephan M. Rother