Montag, 2. Februar 2009

Joh. 1,5

Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht begriffen.

Gestern - oder heute - oder vielleicht auch vorgestern - oder zum anstehenden Vollomond - oder erst zum "Valentinstag" moderner Zeitrechnung galt es ein altes Fest zu begehen, das wir je nach weltanschaulicher Couleur als Imbolc, Mariä Lichtmess/Mariä Reinigung oder Murmeltiertag/Groundhog Day benennen dürfen. Oder einfach Jochen. Niemand kann mir verbieten, ein altes kirchliches Fest Jochen zu nennen oder unseren Kaffeevollautomaten Eberhard.

Jedenfalls ist Imbolc ein altes Frühlingsfest. Eine populäre etymologische Erklärung besagt, dass sich die Frühlingslämmer zu diesem Zeitpunkt noch "im Balg" (i.e. "im Leibe") des Muttertiers befinden. Die christliche Bedeutung des Datums funktioniert noch einmal anders, über Maria und ihre "Unreinheit" bis vierzig Tage nach der Geburt des Kindes. Nach dieser Quarantaine wurde dann die "Reinigung" begangen, Mariae purificationis. Vielleicht gibt es da einen fernen Reflex bis hin zu unserem Frühjahrsputz. Jedenfalls ist Imbolc ein Frühlingsfest, wenn sich der Frühling zuverlässig erfahrbar einstweilen nur an der Tageslänge festmachen lässt.

Das Licht aber ist zurück und der erste große Schritt zum Frühling getan.



Irgendwie war es tatsächlich ein winter of our discontent diesmal, der ganz pünktlich zu einem anderen alten Jahresfest, Samhain/Allerheiligen-Allerseelen/Halloween einsetzte, im Anschluss an unseren Abschiedsauftritt nach fünfzehn Jahren auf der Bühne, an das öffentliche Versterben der Figur Magister Rother. Im Rückblick glaube ich, dass das eine unangemessene Frivolität war. Vielleicht war mir selbst die Nähe zu dieser Bühnenfigur nicht klar - doch vielleicht war es dann auch umso wichtiger, diesen ganz deutlichen Schnitt gemacht zu haben. Und die folgenden Wochen und Monate voller Variationen auf das Thema Du bist keine zwanzig mehr waren deutlich. Wir werden sehen, vielleicht habe ich ja gelernt.

Das Seltsame ist, dass ich im Grunde an die Worte vom Oktober/November anknüpfen könnte: Ich bin hindurch. Und zum ersten Mal seit einer ganzen Weile habe ich das Gefühl, dass das, was ich schreibe, wieder wirklich gut ist. Kein it says nothing to me about my life mehr. Ich lese viel über Gauss und Vermessungen und Friedrich II., Kantorowicz und den George-Kreis und seine Wirkung auf die Stauffenbergs. Diese Dinge sind enger verflochten, als es auf den ersten Blick erscheinen mag, und es ist ... überraschend, aus welcher Inspiration Impulse entstehen können, in diesem Fall auf die Fortsetzung des
'Dorian Grave'
.

Die Winterstarre ist überwunden, das Lektorat für Der Mantel der Winde abgeschlossen, und das Jahresrad nimmt Fahrt auf.

Oder, wie mein lieber Sportlehrer zu sagen pflegte, wenn ich mir mal wieder übel den Schritt gequetscht hatte am Barren: Es wird, es wird!

Bis demnächst an dieser Stelle bleibe ich, verehrte potentielle Leserschaft, Ihr und Euer


Stephan M. Rother

Freitag, 23. Januar 2009

Auf ein Neues,

verehrte potentielle Leserschaft! Auf ein gutes neues Jahr für uns alle und auf eine Menge (oder sagen wir: Anzahl) neuer Projekte, die in den kommenden Wochen und Monaten das Licht der literarischen Welt erblicken wollen.

Das Hilfsverb ist dabei durchaus bewusst gewählt. Klar, "werden" läge am Nächsten, klingt aber immer so nach absoluter Sicherheit. Irgendwie verliert man den Glauben an die Prädestination mit zunehmender Einsicht in die Verlagsbranche. Protestanten dürften jedenfalls unterrepräsentiert sein in der Verlagswelt.
Auch "sollen" wollte ich besser vermeiden. Um ein "sollen" geht es - zugegeben - auch (schließlich unterzeichne ich ständig entsprechende Verträge), aber ich habe gerade in den letzten Wochen wieder gemerkt, dass sich nichts erzwingen lässt. Die besten Ideen, die Dinge, die sein sollen, die sind aus einem Impuls heraus da. Diese Geschichten "stehen" binnen zwanzig Minuten.

So auch meine aktuelle Arbeit, die Fortsetzung zu "Das Geheimnis des Dorian Grave".

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ich mit dem Wagen unterwegs war zu einem meiner Lieblingsorte, dem Kloster Mariensee nahe dem illustren Städtlein Neustadt am Rübenberge. Zu Mariensee siehe vor etwa einem Jahr an dieser Stelle. Da ich diesmal jedoch von Uelzen her kam und die Route über Munster gewählt hatte, entsprechend über die Autobahn anrollte, entschied ich mich, einmal eine andere Strecke zu erproben. Nicht via Mellendorf, sondern ... irgendeinen Namen wird das haben. Mellendorf lässt sich da gerade umgehen, allerdings auch das stimmungsvolle Örtchen Negenborn, das es auch noch zu erkunden gilt. Neun Borne - Quellen - dicht beieinander in alter Zeit; natürlich reizt mich das. Diesmal aber ...

Der Name des Dörfchens (im Grunde ist es nicht einmal ein Dörfchen) ist Dudenbostel. Ich spürte einfach: Da ist was. Dann sah ich das Straßenschild, linker Hand: "Rother Feld"! Und die Stimmung an diesem grauen, stürmisch-relativ-gesehen-milden Januartag ... Ein besonderer Ort. Trotzdem bin ich noch nicht ausgestiegen, sondern habe begonnen, mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln zu recherchieren.

Nicht allein, dass es auf dem Rotherfeld eine vorgeschichtliche Befestigungsanlage gibt. Nicht allein, dass diese Befestigungsanlage von einem Bächlein durchflossen wird, das aus einer nahegelegenen Quelle gespeist wird. Nicht allein, dass im Anschluss daran, am Brelinger Berg, ein geologischer Lehrpfad zur Entstehung der eiszeitlichen Landschaft existiert. Nein! Carl Friedrich Gauß unternahm Experimente auf dem Brelinger Berg! Hier wurde vermessen und ... ein faszinierendes neues Element deutet sich an! Ich habe den heutigen Nachmittag unter anderem damit verbracht, meine Kenntnisse über Castel del Monte aufzufrischen (siehe Foto).

Everything falls into place, verehrte potentielle Leserschaft. Ich summe und brumme vor Aufregung, laufe im Kreis um meinen Arbeitsplatz und habe seit mehr als achtundvierzig Stunden keinen Zigarillo angerührt; das kommte hinzu. Aber: Wir sind drin. Niemand, der ein Buch nur liest, kann ermessen, wie es sich anfühlt, wenn sich eines schreibt.

Wenn es sich schreiben will.

Bis zum nächsten Mal an dieser Stelle bleibe ich Ihr und Euer


Stephan M. Rother

Donnerstag, 25. Dezember 2008

Wirklich fantastisch

Doch recht deultich, verehrte potentielle Leserschaft, sehe ich den einen Leser oder die andere Leserin dieses Blogs vor mir, der oder die beim Überfliegen der Einträge aus dem Kopfschütteln nicht mehr herauskommt: Ist ja alles ganz interessant, doch irgendwie auch verdammt abgespacet und abgehoben (oder "abgefahren"; der Dorian Grave sei "abgefahren", hab ich gerade gelesen) - warum schreibt ein Jugendbuchautor seltsame Sachen über Quellen, Besuche an Goethes Gruft und so ein küchenphilosophisches Zeug?

Ich glaube, ich erwähnte es an dieser Stelle bereits: Ich bin nicht Kai Meyer. Ich bin auch nicht Christoph Marzi (dessen Stil ich nach dem Wenigen, das ich von ihm gelesen habe, schätze), Thomas Finn oder Christoph Hardebusch - um einmal diejenigen zu nennen, die eigentlich unverdächtig sind. Der Leser wird wissen, wer an Autoren des fantastisch angehauchten Genres ebenfalls so ungefähr zu meiner Generation gehört. Viele dieser Autoren schreiben absolut spannende Sachen, doch ich habe den Eindruck, dass der Ansatz doch ein ganz anderer ist. Wir alle erzählen fantastische Geschichten, doch die Gründe, aus denen wir das tun, die sind zum Teil sehr unterschiedlich.

Vielleicht hängt er mit der Person von J.R.R. Tolkien zusammen, der als Pate des fantastischen Genres bis heute über der Szene schwebt. Tolkien hat sich vehement dagegen gewährt, seine Geschichten als Chiffren verstanden zu sehen, etwa den "Lord of the Rings" als Kommentar auf die klaustrophobische Situation der "Schlacht um England" in der ersten Hälfte der 1940er Jahre. Erstaunlich genug, denn gerade der akademische Mythen-Fachmann Tolkien hätte das Wesen der Sage besser verstehen müssen. Er hätte wissen müssen, dass die Sage immer vor allem auch eine Auskunft gibt über die Zeit und die Situation, in der sie erzählt wird. Und die fantastische Literatur erzählt ja nun einmal sehr vordergründig Sagen. Die Wirklichkeit ist für das Fantastische damit sogar sehr relevant. Finn hat das mit seinen Sagen-Updates auch gemerkt; das ist durchaus ein spannender Ansatz. Ich kann ihn nicht inhaltlich kommentieren, weil ich nichts davon gelesen habe.

Halten wir also fest: Die Wirklichkeit ist relevant für das Fantastische - wie ich es definiere. Phantastik ist nicht Weltflucht. Sie ist das Gegenteil. Sie ist Spiegelung. Sie ist wie ein Traum von der Wirklichkeit. Und es gibt ja nun sehr alte Traditionen, die in Träumen den einen oder anderen Fingerzeig unseres Unterbewusstseins vermuten. Begreifen wir die Fantastische Literatur also als unser kollektives Unterbewusstsein, als ein unglaubliches und unglaublich wertvolles Reservoir an Methaphern, das es uns ermöglicht, die wirklichen und wirklich relevanten Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen. Und genau deswegen wird sie selbst relevant.

Harter Tobak, verehrte potentielle Leserschaft, zum Jubeltag der heimischen Leitreligion? Wohl schon irgendwie. It’s ok to be different, to be apart. Es ist ok, wenn du anders bist und keiner dich will verstehen, sagt Stevie Styx in einer Schlüsselszene der Geschichte vom "Geheimnis des Dorian Grave". Wenn du erkennst, dass das ist ok – dann bist du erwachsen. Der Autor, wie es scheint, ist noch nicht ganz so weit.

Einen guten Rutsch ins kalendarische 2009 wünscht an dieser Stelle Ihr und Euer


Stephan M. Rother

Mittwoch, 10. Dezember 2008

Zugegeben,

verehrte potentielle Leserschaft: Wer dieses mein Blog, von dem ich mittlerweile begriffen habe, dass es sich um dieses mein Blog und nicht etwa um diesen meinen Blog handelt ... wer also dieses Etwas mehr oder minder regelmäßig verfolgt, muss sich längst verwundert die Augen reiben über die absonderliche Informationspolitik zu aktuellen und künftigen Projekten. Wenn er sich nicht ohnehin bereits schaudernd abgewandt hat.

Da war viel von der Letzten Offenbarung die Rede (sie kommt im Oktober/November 2009; ich verspreche: das Warten lohnt sich!), dann vom Dorian Grave, den Einige von Euch und Ihnen inzwischen gelesen haben. Hier bitte ich um Geduld: Ich werde alle Zuschriften sorgfältig beantworten, sobald ich zum Atmen komme. Jedenfalls sei mir heute der Hinweis auf ein jetzt aktuelles Projekt gestattet, das ich bereits Anfang des Jahres mehrfach kurz angesprochen hatte:

Der Mantel der Winde ist ein Fantasyroman für junge Leser jedes Alters. Ein "all age"-Roman, wie man neudeutsch gerne formuliert. Es ist die Geschichte des Jungen Darek, der an der Akademie der Kreuzbrüder aufwächst, einem an sich ganz ruhigen, fast langweiligen Fleckchen am Rande des Mittleren Reiches. Eine eintönige Sache im Grunde, bei der neue Erkenntnisse zum Wesen und den Anwendungsmöglichkeiten des blauen Zwergampfers noch die größte Abwechslung darstellen, bis ... Ja, bis von einem Tag auf den anderen alles anders ist. Bis auf einmal der allmächtig Hofdomestikus Bruder Engelbertus vor der Tür steht (oder, richtiger: in einer schwarz verhängten Sänfte getragen wird), Dutzende königlicher Panzerreiter im Gefolge. Von einem Tag auf den anderen ist alles anders, und auf Dareks Schultern liegt das Schicksal des gesamten Landes - denn die vier Winde der Welt, Zephyrus, Boreas, Euros und Notos haben den Menschen ihre Gunst entzogen. Dunkle Zeiten brechen an und gefahrvolle Abenteuer erwarten Darek und seine Gefährten, den Zauberlehrling Libius, Bartholf den Zwerg, die Albaîne Astaril und das kleine Mädchen Ylvia. Und da wäre dann noch ein Kater namens Castro, aber das ist eine andere Geschichte. Wobei: schon diese. Schon Der Mantel der Winde, aber es hat seine eigene Bewandnis mit dem Katzentier.

Über dieses Werk, das für den März 2009 im Baumhaus Verlag angekündigt ist, werden wir also in den nächsten Wochen und Monaten das eine oder andere zu berichten haben. Wir haben bereits ein Cover, auf das ich Euch und Ihnen hoffentlich bald einen ersten Vorgeschmack geben darf. Verantwortlich zeichnet die renommierte Hamburger Künstlerin und Illustratorin Anne Bernhardi. Ich kann es nicht anders sagen: Ich bin hingerissen. So hingerissen, dass ich Frau Bernhardi gleich auch noch die Gestaltung der Panoramakarte des Mittleren Reiches aufgedrückt habe. Denn wenn wir den Fuß in fremde, ferne Gegenden, unbekannte Welten setzen, dann ist so eine Karte überlebenswichtig - wer den Dorian Grave gelesen hat, der weiß das.

Und da sind wir schon wieder bei Mr Grave. Hier bleibt mir nochmalig etwas nachzutragen. Neue Besprechungen finden sich diese Woche www.corrys-jugendbuchregal.de (runterscrollen auf "Rother") und auf www.buechereule.de.

Bis zum nächsten Mal bleibe ich Ihr und Euer,


Stephan M. Rother

Sonntag, 30. November 2008

Nachtragend

Betont: nach-tragend, nicht nacht-ragend.

Unwahrscheinlich, dass jemand von Euch und Ihnen, verehrte potentielle Leserschaft, den Titel falsch interpretiert hat, doch es wäre ja immerhin möglich. Die kommende Nacht - 30.11./1.12. - ragt bereits in den meteorologischen Winter. Wär doch der Winter erst vorbei / und wieder grün der Wiesengrund. Noch 62 Tage bis Imbolc - auch in dieser Weise kann man das sehen. Könnt ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch, du bist so schön. Vielleicht lern ich's ja doch noch mal. Wobei, mit Dr. Faust war's gleich darauf vorbei ...

Zum Anlass für meine nachtragenden Worte: Gestern Nachmittag stand eine Lesung aus dem Dorian Grave an. Die Location war eine der Stätten der Handlung, dem Flecken Ebstorf. Einige Momentaufnahmen haben wir im Bilde festgehalten.

Gipfeltreffen der local heroes? St. Mauritius (links), Rother.







Schaufenster der Buchhandlung Nohdurft: "Gegenüber hatte Tobi eine Buchhandlung entdeckt. Das Angebot im Schaufenster war gut sortiert: vor allem gab es jede Menge Lektüre zum Kloster und zu der Weltkarte. Aber sonntags war nun einmal geschlossen."





Nun, die Schokoladenseite. Allmählich fühlt sich selbst beim "Auftritt" Zivilbekleidung wieder heimisch an. Wie war das noch? "Ich bin hindurch".






Die Location war dieselbe wie Ende Oktober - das Publikum ein gänzlich anderes. Damals zwei achte Klassen mit neugierigen Fragen ("Wie hat Tobi das denn gemacht mit den Laternen?"), nun der Heimat- und Kulturkreis. Und siehe da: Die Gemeinde derer, die noch rocken - sie ist gewaltig.

Bis bald an dieser Stelle, Ihr und Euer


Stephan M. Rother

Samstag, 29. November 2008

In brief

Ein seltsames Gefühl verehrte potentielle Leserschaft, ist es dann schon, wenn ich mir bewusst mache, dass mit signifikanter Wahrscheinlichkeit in genau diesem Augenblick der eine oder anderen von Euch und Ihnen durch die Seiten des 'Dorian Grave' schmökert und sich gemeinsam mit Leonie Hartheim und ihren Freunden darum ringt, den geheimnisvollen Code des verblichenen Gothrockers zu knacken.

Mit Büchern ist es eine seltsame Sache. Im Grunde sind sie auch nichts anderes als sehr, sehr lange Briefe. Nun, nicht ganz, mag der ein oder andere da einwenden. Briefe oder Mails richtet man ja nun in aller Regel an eine bestimmte Person, und Dritte haben da nicht rumzuschnüffeln. Andererseits war das keineswegs von Anfang an ausgemacht. Wie sieht das mit dem Römerbrief des Paulus aus? Mit unzähligen historischen Briefveröffentlichungen? Nein, das eigentliche Merkmal eines "Briefs" ist im Grunde seine Kürze - entsprechend sind "briefs" im angelsächsischen Sprachraum Unterhosen mit kurzen Beinen.

Heute ist das, zugegeben, alles etwas anders. Briefe sind in der Regel privat, veröffentlichte Romane eben öffentlich. Das bedeutet allerdings nicht, dass der Autor nicht einen bestimmten Adressaten im Kopf hätte. Das hat er sehr wohl. Ein Roman als überdimensionaler Brief hat einen Adressaten namens Leser. Im Grunde ist das eine höchst deprimierende Geschichte für den Autor des Romanbriefs: Da gibt es etliche tausend Leser - und kaum einer schreibt mal eben zurück.

Gut, einige Antworten habe ich durchaus bekommen, Besprechungen im Radio, in den Printmedien - und im Internet. Bei Amazon gibt es schon etwas zu lesen, und von Ralf Seybold stammt eine parallel auf www.schreib-lust.de veröffentlichte Rezension, bei der mir dann doch eine Gänsehaut kam. Besonders gefreut habe ich mich auch über die Zeilen von "ilkachen" auf www.lizzynet.de - denn unsere Leser sind ja - wie schon berichtet - "alle, die rocken", und ich bin erleichtert, dass das offenbar eine ganze Menge sind. Ganz gespannt bin ich, wie das Grave-Exemplar ankommen wird, das derzeit in Corrys Jugendbuchregal steht - vielleicht hat es Corry auch gerade am Wickel. Jedenfalls sind solche Antworten für den Romanbrief-Autor ungeheuer wichtig - übrigens ganz gleich, ob sie sich nun überschlagen vor Begeisterung oder ein gerüttelt Maß an Kritik anmerken. Es sind einfach Antworten, und die sind selten.

Obwohl ich natürlich längst an neuen Projekten arbeite, lässt mich der Grave nicht so schnell los. Hin und wieder wandle ich auf den Pfaden, denen auch Leonie und ihre Freunde folgen.

Der "Engelsweg" zum Beispiel ist bis heute eine wunderschöne Wanderstrecke - und der Verlauf hat sich seit den Tagen des dicken Wilhelm nicht wesentlich verändert.

Andere Wege sind gerader, doch ein merkwürdiges Gefühl ist es schon, wenn man dem Surren der Hochspannungsmasten lauscht und sich fragt, sind das wirklich die Hochspannungsmasten? Und ich will mich besser gar nicht daran erinnern, was das für ein Gefühl war, als ich Anfang des Monats nachts zwischen Breitenhees und Weyhausen im Auto unterwegs war. Nebel kam auf - und aus dem Nebel mit Blaulicht das Aufgebot der Staatsmacht. Es war Castor-Zeit und, ja, ich werde auch noch Bilder von dem lauschigen Örtchen einstellen, an dem Hartheim festgehalten wird - wenn sie mich nicht wegfangen.

Nur wohin das am Ende führen soll, das ist die große Frage. Vielleicht ist das, wie Dorian Grave jetzt sagen würde, mehr, als du wissen darfst.

Bis zum nächsten Mal an dieser Stelle bleibe ich Ihr und Euer


Stephan M. Rother

Samstag, 1. November 2008

Ich bin hindurch!

Das passende Wort, verehrte potentielle Leserschaft, zum passenden Datum. Der 31. Oktober 1517, der Zeitpunkt des angeblichen Anschlags der 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg, markiert zugegeben erst den Beginn der ungeheuren welthistorischen Entwicklung, die Martin Luthers Reformationsbemühungen auslösen sollten – doch es ist eben auch jenes Datum, das auf den Wormser Reichstag hinführte, an dessen Ende Luther eben dies ausrufen konnte: Ich bin hindurch! Und wenn ich tausend Köpfe hätte, ich würde sie mir eher abschlagen lassen, als zu widerrufen!

Und irgendwie kann ich heute gerade ganz gut nachvollziehen, wie er sich damals gefühlt haben muss. Nun sei es mir fern, das, was ich fabriziere, irgendwie mit den Schriften des Doktor Martin L. vergleichen zu wollen – weder im Positiven noch im Negativen – doch ein Hindurch, das spüre auch ich heute:

„Das Geheimnis des Dorian Grave – Mehr als du wissen darfst“ hat auf der Frankfurter Buchmesse das Licht der Welt erblickt und sollte in diesen Tagen beim Buchhändler Ihres und Eures Vertrauens eintreffen. In Frankfurt, bei den Literaturtagen im altmärkischen Osterburg und an jenem Ort, der im Roman eine solche Rolle spielt, in Ebstorf, haben wir erste Lesungen erlebt – und die Reaktionen übertreffen alle Erwartungen, die ich möglicherweise gehegt habe. Das Interesse ist ungeheuer. Im Frankfurter Literaturbahnhof war sogar ein leibhaftiges Ungeheuer mit dabei: Mein lieber Baumhaus-Kollege Klaus Baumgart war mit seinem neuen Werk „Elli – ungeheuer geheim“ zugegen. Eine wunder- und fantasievolle Geschichte um ein Nachwuchsgespenst, die sicher eine Menge Fans finden wird.

Was nun die Geschichte von Mr Grave anbetrifft: Die Reaktionen machen mir selbst natürlich gehörig Lust, die Story weiterzuerzählen – doch dazu an dieser Stelle zu einem späteren Zeitpunkt mehr.

Hindurch bin ich aber vor allem durch die letzten Wochen, in denen ein solcher Wust von Terminen anstand, dass es mir schon geraume Zeit davor grauste. Ein „besseres Ereignis-Timing“ forderte die Titanic! (wenn ich mich recht entsinne) zu Zeiten der Wiedervereinigung – dem hätte ich mich in diesem Oktober vollen Herzens anschließen können. Die Grave-Veröffentlichung, mein Bühnenabschied und ganz nebenbei mein vierzigster Jubeltag geballt und massiert. Gut, ich hatte es so gewollt. Ich wollte ganz bewusst eine Zäsur setzen, mir selbst deutlich machen, was ich mit den NÄCHSTEN vierzig Jahren anzufangen gedenke. Dass dieses Vorhaben dermaßen, nun, ereignisintensiv werden würde, dass mir Zweifel zwischendrin kommen würden, ob es diese vierzig Jahre überhaupt noch geben würde – das hatte ich nun nicht geahnt.

Unsere Abschiedsabende auf Burg Bodenteich waren wunderschön und wunderstressig zugleich. Während des Gesprächs mit Holger Boden vom Isenhagener Kreisblatt, in dem ich im April meinen Bühnenabschied ankündigte, hatte ich die Idee entwickelt, in bester Bowie-Tradition tatsächlich auf der Bühne abzuleben. Im Ergebnis haben wir das nun dahingehend variiert, das am Beginn der Darbietung zu den Klängen des Trauermarschs aus der Götterdämmerung bereits die Bahre hereingetragen wird und anschließend die unterschiedlichen Figuren, die ich im Verlaufe meiner Bühnenkarriere verkörpert habe, dem verstorbenen Magister Rother ihre Referenz erweisen. Die Musik durfte dabei natürlich nicht fehlen. Lady Ginevra und ihre neue Band Schafspelz standen freundlicherweise zur Verfügung. Auf einmal war die Sache rund. Womit wir nicht gerechnet hatten, war das immense Interesse der Öffentlichkeit. Gut, wir hatten natürlich auf ein ausverkauftes Haus gehofft – aber dass wir den eilig für den folgenden Tag angesetzten Zusatztermin ebenfalls in Windeseile ausverkaufen würden, das hatte dann doch niemand erwartet. Für mich bedeutete das ein Dutzend Kostümwechsel innerhalb von zwei Stunden, und am nächsten Tag noch einmal von vorn.

Man stirbt nur zwei Mal.

Und so fühlte ich mich am Ende auch. Unerwartet kam da noch die offizielle Ehrung durch den Flecken Bodenteich. Was genau es mit der Ehrengabe auf sich hat, die mir aus den Händen des stellvertrenden Bürgermeisters Werner Schulz verliehen wurde, konnte ich bisher nicht eruieren. Der Förderkreis Burg war vor zwei Jahren der erste Träger dieser Auszeichnung. Der Förderkreis Burg ist eine Korporation – ich bin keine. Vermutlich soll die Ehrung für mein künftiges Wohlverhalten bürgen. Nun, ich will und werde tun, worum ich mich ganz ehrlich immer bemühe – um mein Bestes. Und in den letzten Wochen war das ein tierisch anstrengendes Bestes.



Hier im Bilde die Verleihung - im Bilde festgehalten durch Marc Lücke, der in einem (logo, sehr lesenwerten) Artikel im Isenhagener Kreisblatt berichtete (ich frag gleich noch, ob ich's auch verwenden darf). Bitte anklicken - so sieht man nur den Herrn Bürgermeister. Nicht, dass der nicht an sich sehenswert wäre, aber irgendwie fehlt da noch was.

Doch nun, verehrte potentielle Leserschaft: Ich bin hindurch und gelobe feierlich, die mir verbleibende Kraft fürderhin allem voran dem geschriebenen Wort zu widmen … als bescheidener Arbeiter im literarischen Weinberg des Herrn. Es gibt noch so viele Geschichten, die erzählt werden wollen. Ich erwarte sie voller Spannung und mit einem glücklichen Lächeln, wie es ja vielleicht auch der Doktor aus Wittenberg auf den Lippen getragen hat, als er sich zu seinem Entschluss durchgerungen und allen Anfechtungen widerstanden hatte.

Ich bin hindurch und bleibe bis zum nächsten Mal an dieser Stelle Ihr und Euer


Stephan M. Rother