In der F.A.Z. interessante Gedanken von Peter Richter zur Borgia-'Verfilmung' im ZDF und der Berliner "Gesichter der Renaissance"-Ausstellung: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/renaissance-der-renaissance-ist-das-mittelalter-endlich-vorbei-11502292.html
Prägnant stellt Richter dar, dass 'Renaissance' (ähnlich wie das Mittelalter) ein Begriff aus dem _Nachhinein_ ist und in ihren landläufig bekannten typischen Charakteristika mehr über die Epoche aussagt, in welcher der Begriff geprägt wurde (das bürgerliche neunzehnte Jahrhundert) als über den bezeichneten Zeitraum selbst. Allerdings verkennt Richter - gerade im Hinblick auf die 'Mittelaltermarkt'-"Kultur" - den eigentlichen Antrieb von Konsumenten und Akteuren dieser 'Bewegung': Nach allen meinen Erfahrungen mit dieser Szene hat die Mentalität dort stets die geringste Rolle gespielt, und zur Weltflucht taugt das Eine wie das Andere:
Renaissance = Mittelalter mit edleren Klamotten und mehr nackter Haut.
Nicht ohne Grund firmiert der heimische Mittelaltermarkt andernorts als "Renaissance Fair".
New Skin for the old ceremony!
Montag, 31. Oktober 2011
Sonntag, 30. Oktober 2011
Große Literatur
Dreiundvierzig Jahre, wie ich kürzlich auf Nachfrage zu Protokoll gab, so alt werde ja nun kein Schwein. Wie eilige Recherchen dann gottlob ergeben haben, war es nicht notwendig, mich rückwirkend zu korrigieren: Selbst Miss Piggy hat erst 1976 das Bühnenlicht erblickt. Wobei Damen (und Diven schon überhaupt) bekanntlich ein Alter von 37 ohnehin nicht überschreiten.
Wie auch immer: Ich trage die Jahre mit Würde und darf mich auch an dieser Stelle noch einmal (bzw. schon einmal, so weit ich mit dem Beantworten noch nicht nachgekommen bin) für die Glückwünsche bedanken.
Ein besonderes Geschenk - Anlass dieses Eintrags - hat mir meine Frau gemacht: Wie schon ein, zweimal angesprochen, lebte vor gar nicht so schweinemäßig langer Zeit einem anderen hinterletzten KAFF nicht weit von hier schon einmal ein etwas absonderlicher Büchermensch, an dem sich die Geister schieden.
Arno Schmidts "Zettels Traum" darf als opus magnum gelten, in jeder Beziehung. Die Größenverhältnisse werden selbst hier noch nicht recht deutlich:

Jedenfalls wiegt das gute Stück einen gefühlten (und gefüllten) Zwölferpack Milchkartons. 1.334 DIN A3 Seiten mit der Schreibmaschine. Soweit das quantitative Elemente - wobei Schmidt noch nie die Sorte Literatur zum "eben mal weglesen" war. Multilingual, hermetisch dicht, voller Sprachschöpfungen, multilingualer Anspielungen. Die Lektüre wird eine Herausforderung. Wenn ich jede Woche eine Seite schaffe, bin ich noch vor meinem Siebzigsten durch.
"Und was willst du damit?", erkundigte sich mein Vater gestern. "Willst Du das in einem Vortrag einbauen?"
(Zur Erinnerung: Ich halte nun seit über drei Jahren keine Vorträge mehr.)
Nein, man mag es nicht glauben, aber ich lese tatsächlich (auch) zum Vergnügen, oder sagen wir, zur "Kür". Alles, was über die Bestsellerlisten hinausgeht, betrachte ich nicht mehr als Pflichtprogramm. Das Pflichtprogramm ist nämlich eindeutig definiert als das, was andere freiwillig lesen. Krude, abstrus, schwer verdaulich wird mein Geschreibsel nach aller Erfahrung von alleine. Des "populären Faktors" wegen wegen konsumiere ich populäre Literatur.
Aktuell auf der Agenda: Cody Mafadyen - "Ausgelöscht".
Gerade erst angefangen, noch keine hundert Seiten. Noch sind wir dabei, zu rekapitulieren, wie und wo die Protagonisten sich ihre diversen körperlichen oder seelischen Gebrechen zugezogen haben. Ich erinnere mich, dass der Vorgängerband mir bei fortschreitender Lektüre immer besser gefallen hat. Vielleicht kommt das ja noch.
Unmittelbar vorher hatte ich "Hexenkind" von Sabine Thiesler am Wickel - und war angenehm überrascht. Überzeugende Figuren, eine durchaus 'dichte' Sprache (nicht über jeden Zweifel erhaben, aber wenn ich auf Fehler stoße und mich _nicht_ über sie ärgere, ist das ein gutes Zeichen). Neugierig habe ich mir einmal die Amazon-Besprechungen angeschaut. Keine gute Idee. Auf die Idee, dass mir die Figuren eines Romans "sympathisch" sein sollten, bin ich glaube ich noch nie gekommen. Sie sollten vielmehr überzeugend und echt sein. Dann macht es mir auch Freude, ihren Erlebnissen zu folgen.
Was bei der "Hexenkind" vorangegangenen Lektüre nicht der Fall war. "Eisige Nähe" (die Titelwahl bleibt ein Rätsel) von Andreas Franz. Figuren ohne jeden erkennbaren Charakterzug (bzw. behauptete Charakterzüge, die aber durch das tatsächliche Verhalten der Figuren ad absurdum geführt werden), das allzeit populäre Thema Kinderhandel dermaßen reißerisch und naiv aufbereitet, dass es dem (scheinbaren) Anliegen Schaden zufügt, dümmlichstes Schubladendenken (die dekadenten Reichen "da oben", die sich mehr und mehr alles erlauben dürfen vs. den kleinn braven Bürger), zigfache seitenlange Redundanzen. 'Eine blickdichte Hecke schützte vor neugierigen Blicken' erfahren wir im Text. Der Name des zwischenzeitlich verstorbenen Autors auf dem Cover wird mich künftig vor der Lektüre schützen.
Hm. Und wieder ist es hin, eines der hochheiligen Vorhaben zum neuen Lebensjahr. Ich hatte mir ernsthaft vorgenommen, mich nicht mehr so aufzuregen ...

(gesehen im Scriptorium des Kloster Mariental bei Helmstedt)
Nun, stattdessen werden wir in an dieser Stelle sehr, sehr bald mit einer wirklich relevanten Neuigkeit aufwarten, versprochen.
Für hier und heute allerdings bleibe ich bis dahin Ihr und Euer
Stephan M. Rother
Wie auch immer: Ich trage die Jahre mit Würde und darf mich auch an dieser Stelle noch einmal (bzw. schon einmal, so weit ich mit dem Beantworten noch nicht nachgekommen bin) für die Glückwünsche bedanken.
Ein besonderes Geschenk - Anlass dieses Eintrags - hat mir meine Frau gemacht: Wie schon ein, zweimal angesprochen, lebte vor gar nicht so schweinemäßig langer Zeit einem anderen hinterletzten KAFF nicht weit von hier schon einmal ein etwas absonderlicher Büchermensch, an dem sich die Geister schieden.
Arno Schmidts "Zettels Traum" darf als opus magnum gelten, in jeder Beziehung. Die Größenverhältnisse werden selbst hier noch nicht recht deutlich:

Jedenfalls wiegt das gute Stück einen gefühlten (und gefüllten) Zwölferpack Milchkartons. 1.334 DIN A3 Seiten mit der Schreibmaschine. Soweit das quantitative Elemente - wobei Schmidt noch nie die Sorte Literatur zum "eben mal weglesen" war. Multilingual, hermetisch dicht, voller Sprachschöpfungen, multilingualer Anspielungen. Die Lektüre wird eine Herausforderung. Wenn ich jede Woche eine Seite schaffe, bin ich noch vor meinem Siebzigsten durch.
"Und was willst du damit?", erkundigte sich mein Vater gestern. "Willst Du das in einem Vortrag einbauen?"
(Zur Erinnerung: Ich halte nun seit über drei Jahren keine Vorträge mehr.)
Nein, man mag es nicht glauben, aber ich lese tatsächlich (auch) zum Vergnügen, oder sagen wir, zur "Kür". Alles, was über die Bestsellerlisten hinausgeht, betrachte ich nicht mehr als Pflichtprogramm. Das Pflichtprogramm ist nämlich eindeutig definiert als das, was andere freiwillig lesen. Krude, abstrus, schwer verdaulich wird mein Geschreibsel nach aller Erfahrung von alleine. Des "populären Faktors" wegen wegen konsumiere ich populäre Literatur.
Aktuell auf der Agenda: Cody Mafadyen - "Ausgelöscht".
Gerade erst angefangen, noch keine hundert Seiten. Noch sind wir dabei, zu rekapitulieren, wie und wo die Protagonisten sich ihre diversen körperlichen oder seelischen Gebrechen zugezogen haben. Ich erinnere mich, dass der Vorgängerband mir bei fortschreitender Lektüre immer besser gefallen hat. Vielleicht kommt das ja noch.
Unmittelbar vorher hatte ich "Hexenkind" von Sabine Thiesler am Wickel - und war angenehm überrascht. Überzeugende Figuren, eine durchaus 'dichte' Sprache (nicht über jeden Zweifel erhaben, aber wenn ich auf Fehler stoße und mich _nicht_ über sie ärgere, ist das ein gutes Zeichen). Neugierig habe ich mir einmal die Amazon-Besprechungen angeschaut. Keine gute Idee. Auf die Idee, dass mir die Figuren eines Romans "sympathisch" sein sollten, bin ich glaube ich noch nie gekommen. Sie sollten vielmehr überzeugend und echt sein. Dann macht es mir auch Freude, ihren Erlebnissen zu folgen.
Was bei der "Hexenkind" vorangegangenen Lektüre nicht der Fall war. "Eisige Nähe" (die Titelwahl bleibt ein Rätsel) von Andreas Franz. Figuren ohne jeden erkennbaren Charakterzug (bzw. behauptete Charakterzüge, die aber durch das tatsächliche Verhalten der Figuren ad absurdum geführt werden), das allzeit populäre Thema Kinderhandel dermaßen reißerisch und naiv aufbereitet, dass es dem (scheinbaren) Anliegen Schaden zufügt, dümmlichstes Schubladendenken (die dekadenten Reichen "da oben", die sich mehr und mehr alles erlauben dürfen vs. den kleinn braven Bürger), zigfache seitenlange Redundanzen. 'Eine blickdichte Hecke schützte vor neugierigen Blicken' erfahren wir im Text. Der Name des zwischenzeitlich verstorbenen Autors auf dem Cover wird mich künftig vor der Lektüre schützen.
Hm. Und wieder ist es hin, eines der hochheiligen Vorhaben zum neuen Lebensjahr. Ich hatte mir ernsthaft vorgenommen, mich nicht mehr so aufzuregen ...

(gesehen im Scriptorium des Kloster Mariental bei Helmstedt)
Nun, stattdessen werden wir in an dieser Stelle sehr, sehr bald mit einer wirklich relevanten Neuigkeit aufwarten, versprochen.
Für hier und heute allerdings bleibe ich bis dahin Ihr und Euer
Stephan M. Rother
Sonntag, 7. August 2011
The Maismonster Project
Ich weiß, ich weiß, verehrte Leserschaft - ich hatte da was versprochen: Dieses Blog sollte zur vornehmsten Aufgabe haben, den Entstehungsprozess neuer unsterblicher Literatur zu begleiten. Nun ist das aber irgendwie ... nun, schwierig eben. Wenn ich nämlich schreibe, schreibe ich richtig, und unmittelbar im Anschluss an meinen letzten Eintrag an dieser Stelle habe ich mich auf das jüngste Projekt gestürzt, das nunmehr (will sagen: seit letzten Donnerstag) vollendet ist - vorläufig exklusive Epilog. Was genau es damit auf sich hat demnächst auf dieser Stelle.
Zuerst einmal sind nun ein paar Tage Luftholen angesagt. Der eine oder andere mag sich vielleicht an den Nachwuchsquellenfinder entsinnen, den wir sommers zu Gast haben - so auch seit letzte Freitag wieder. Mir persönlich ist dabei immer besonders wichtig, dass er einen kleinen Eindruck davon bekommt, wie das eigentlich ist, als Schriftsteller zu leben, wo genau die Inspirationen herkommen. Unheimlich, klaustrophobische Situationen etc. So haben wir uns heute einem Selbstexperiment unterzogen (vgl. Prof. Ingolf Helmbrecht im 'Babylon-Virus').
Unser Ziel war dabei das Bad Bodenteich Maislabyrinth. Und siehe da, klaustrophobisch war es durchaus. Mit zunehmender Sonneneinstrahlung kam eine regelrechte Auenlandatmosphäre auf ... oder, nein, sagen wir besser: wie im "Alten Wald" bei alten Weidenmann um die Ecke. Acht Hinweistafeln gäbe es zu finden, wurde am Eingang verkündet. Insgesamt sind wir - wenn ich richtig gezählt habe - auf sechs gekommen, wobei zwei davon identisch waren (nein, es war nicht DIESELBE, es sei denn, der Betreiber beschäftigt insgeheim Wichtel, die die Tafeln immer mal verrücken, was natürlich clever wäre). Und inspiriert fühlte ich mich dann tatsächlich. Als uns in einem Hohlweg zwei Damen samt Nachwuchs begegneten, hatte ich plötzlich ein "Bei den Skeletten einfach nach links" auf den Lippen. Das gequiekte "SKELETTE???" war noch Minuten später zu hören. Ich drücke die Daumen, dass sie's geschafft haben ohne den Monstren zu begegnen, denn man täusche sich nicht ... in diesem Sommer IST Bad Bodenteich ein VERDAMMT unheimlicher Ort ...

Bis demnächst an dieser Stelle bleibe ich Ihr und Euer Stephan M. Rother
Zuerst einmal sind nun ein paar Tage Luftholen angesagt. Der eine oder andere mag sich vielleicht an den Nachwuchsquellenfinder entsinnen, den wir sommers zu Gast haben - so auch seit letzte Freitag wieder. Mir persönlich ist dabei immer besonders wichtig, dass er einen kleinen Eindruck davon bekommt, wie das eigentlich ist, als Schriftsteller zu leben, wo genau die Inspirationen herkommen. Unheimlich, klaustrophobische Situationen etc. So haben wir uns heute einem Selbstexperiment unterzogen (vgl. Prof. Ingolf Helmbrecht im 'Babylon-Virus').
Unser Ziel war dabei das Bad Bodenteich Maislabyrinth. Und siehe da, klaustrophobisch war es durchaus. Mit zunehmender Sonneneinstrahlung kam eine regelrechte Auenlandatmosphäre auf ... oder, nein, sagen wir besser: wie im "Alten Wald" bei alten Weidenmann um die Ecke. Acht Hinweistafeln gäbe es zu finden, wurde am Eingang verkündet. Insgesamt sind wir - wenn ich richtig gezählt habe - auf sechs gekommen, wobei zwei davon identisch waren (nein, es war nicht DIESELBE, es sei denn, der Betreiber beschäftigt insgeheim Wichtel, die die Tafeln immer mal verrücken, was natürlich clever wäre). Und inspiriert fühlte ich mich dann tatsächlich. Als uns in einem Hohlweg zwei Damen samt Nachwuchs begegneten, hatte ich plötzlich ein "Bei den Skeletten einfach nach links" auf den Lippen. Das gequiekte "SKELETTE???" war noch Minuten später zu hören. Ich drücke die Daumen, dass sie's geschafft haben ohne den Monstren zu begegnen, denn man täusche sich nicht ... in diesem Sommer IST Bad Bodenteich ein VERDAMMT unheimlicher Ort ...

Bis demnächst an dieser Stelle bleibe ich Ihr und Euer Stephan M. Rother
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Sonntag, 1. Mai 2011
Errata
Bekommt ein Buchautor eigentlich Fanpost?
Ein klares und unmissverständliches Jein.
Natürlich erhalte ich immer mal wieder, heutzutage in der Regel per Mail, ein Schulterklopfen oder ein Dankeschön, Worte des Lobes - aber auch der Kritik. Ich freue mich über beide. Ein Lob, gerne noch mit Begründung, tut wohl jedem gut, und aus Kritik kann man nur lernen.
Dabei denke ich jetzt weniger an Kritik nach dem Muster
oder
Beide Beispiele waren übrigens Reaktionen auf "Die letzte Offenbarung". Interessanter als solche "Rundumschläge" sind allerdings Anmerkungen, die sich an einem konkreten Punkt festmachen und dabei durchaus den Finger in schwärende Wunden legen. Ein Autor kann nämlich noch so gewissenhaft arbeiten - vor Fehlern ist er dennoch nicht gefeit. Deshalb an dieser Stelle meine TOP 3 persönlicher literarischer Peinlichkeiten:
"Das Babylon-Virus", S. 15:
Zur Erklärung: Meine Begeisterung für die Physik hat sich erst relativ spät in meinem Leben entwickelt - dennoch war mir die korrekte Definition von c = Geschwindigkeit an und für sich durchaus präsent. In diesem Fall hat es mich einfach davongetragen. Auf einmal hatte ich den Gedanken im Kopf, dass Einstein hier im Grunde einen Thriller definiert: Masse (es muss etwas Wichtiges auf dem Spiel stehen) mal c ... naja, flott sollte er natürlich auch sein, der Thriller. Da die Flottheit zum Showdown hin aber in der Regel zunimmt, die Dramatik der Ereignisse die Handlung beschleunigt, hat die Sache offenbar eine Eigendynamik entwickelt.
Mea culpa. Peinlich.
"Die letzte Offenbarung", S. 309:
Zur Erklärung: Ich habe keine. Das Ganze ist noch wesentlich unangenehmer als die Einstein-Geschichte - schließlich bin ich von Haus aus Historiker und weiß sehr gut, dass Hus nicht etwa in Konstanz, sondern in Basel angeklagt (und verbrannt) wurde. Beide Konzilien befassten sich zwar mit ähnlicher Thematik (u.a. mit der Lehre Hus'), aber in Konstanz war der godfather des Hussitentums natürlich längst nicht mehr am Leben.
Mea culpa. Peinlich, peinlich.
"Der Adler der Frühe", S. 10:
(später noch sehr oft wiederholt. Nahezu die gesamte Geschichte trägt sich im Jahr 1292 zu.) Entsprechend besteht die Peinlichkeit nicht allein darin, dass ich offenbar die Subtraktionsregeln der römischen Zahlen anwenden wollte, ohne sie eigentlich zu beherrschen - sondern in der enervierenden Wiederholung des immer selben Fehlers. 1292 in römischen Zahlen müsste selbstverständlich folgendermaßen geschrieben werden: MCCXCII (M + CC + XC + II = tausend + zweihundert + neunzig + zwei).
Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa. Peinlich, peinlich, peinlich.

Soweit zu unserer kleinen worst of. Sie ist selbstredend nicht erschöpfend. Und die Klopfer wären noch viel, viel übler, wenn nicht die Betaleser und das Lektorat ständig ein Adlerauge auf den Text gerichtet hielten, während der Autor selbst sein Geschreibsel naturgemäß durch die rosarote Brille betrachtet. Um diese Gefahr zu minimieren hab ich mir jetzt einen kleinen optischen Trick überlegt (siehe Foto oben). Ob's hilft? We'll see.
Bis bald an dieser Stelle bleibe ich Ihr und Euer
Stephan M. Rother
postscriptum: Neue Bebrillung soll vor allem die Nachtsichtfähigkeiten und die Tiefenschärfe bei bedecktem Himmel stärken. Das funktioniert tatsächlich!
Ein klares und unmissverständliches Jein.
Natürlich erhalte ich immer mal wieder, heutzutage in der Regel per Mail, ein Schulterklopfen oder ein Dankeschön, Worte des Lobes - aber auch der Kritik. Ich freue mich über beide. Ein Lob, gerne noch mit Begründung, tut wohl jedem gut, und aus Kritik kann man nur lernen.
Dabei denke ich jetzt weniger an Kritik nach dem Muster
"Mich täte interessieren, ob Sie diesen Roman geschrieben haben um die Kirche noch ein wenig tiefer in den Dreck zu tauchen oder nur um ein wenig provozieren zu wollen?"(Beantwortet und Möglichkeit b gewählt. Ich wollte provozieren - zum Nachdenken.)
oder
"(...) schwach und mangelhaft ist leider streckenweise die sprachliche Gestaltung. (...) Schade, kein literarischer Anspruch?"(Nicht beantwortet, da dem Anschreiben die Mindestanforderungen an einen Brief - Anrede und Grußformel - fehlten. Zur Beruhigung: Seit 'Babylon' habe ich ja meinen niegelnagelneuen Lektor, der meine Begeisterung für sprachliche Finessen teilt.)
Beide Beispiele waren übrigens Reaktionen auf "Die letzte Offenbarung". Interessanter als solche "Rundumschläge" sind allerdings Anmerkungen, die sich an einem konkreten Punkt festmachen und dabei durchaus den Finger in schwärende Wunden legen. Ein Autor kann nämlich noch so gewissenhaft arbeiten - vor Fehlern ist er dennoch nicht gefeit. Deshalb an dieser Stelle meine TOP 3 persönlicher literarischer Peinlichkeiten:
"Das Babylon-Virus", S. 15:
Eine Nachricht von Albert Einstein, dem großen Physiker, dem Entdecker der Relativitätstheorie: m mal c, Masse mal Beschleunigung, im Quadrat.(später noch ein oder zwei Mal sinngemäß wiederholt)
Zur Erklärung: Meine Begeisterung für die Physik hat sich erst relativ spät in meinem Leben entwickelt - dennoch war mir die korrekte Definition von c = Geschwindigkeit an und für sich durchaus präsent. In diesem Fall hat es mich einfach davongetragen. Auf einmal hatte ich den Gedanken im Kopf, dass Einstein hier im Grunde einen Thriller definiert: Masse (es muss etwas Wichtiges auf dem Spiel stehen) mal c ... naja, flott sollte er natürlich auch sein, der Thriller. Da die Flottheit zum Showdown hin aber in der Regel zunimmt, die Dramatik der Ereignisse die Handlung beschleunigt, hat die Sache offenbar eine Eigendynamik entwickelt.
Mea culpa. Peinlich.
"Die letzte Offenbarung", S. 309:
Johann Hus, ein Prager Professor, wagte es, die Allmacht des Papstes anzuzweifeln. Das war unerhört damals. Kein Wunder, dass die Kirche Zeter und Mordio schrie und ihn vor das Konzil nach Konstanz lud, um sich für seine Thesen zu verantworten.
Zur Erklärung: Ich habe keine. Das Ganze ist noch wesentlich unangenehmer als die Einstein-Geschichte - schließlich bin ich von Haus aus Historiker und weiß sehr gut, dass Hus nicht etwa in Konstanz, sondern in Basel angeklagt (und verbrannt) wurde. Beide Konzilien befassten sich zwar mit ähnlicher Thematik (u.a. mit der Lehre Hus'), aber in Konstanz war der godfather des Hussitentums natürlich längst nicht mehr am Leben.
Mea culpa. Peinlich, peinlich.
"Der Adler der Frühe", S. 10:
anno dominice incarnationis MCCXIIC (...) 11. September 1292
(später noch sehr oft wiederholt. Nahezu die gesamte Geschichte trägt sich im Jahr 1292 zu.) Entsprechend besteht die Peinlichkeit nicht allein darin, dass ich offenbar die Subtraktionsregeln der römischen Zahlen anwenden wollte, ohne sie eigentlich zu beherrschen - sondern in der enervierenden Wiederholung des immer selben Fehlers. 1292 in römischen Zahlen müsste selbstverständlich folgendermaßen geschrieben werden: MCCXCII (M + CC + XC + II = tausend + zweihundert + neunzig + zwei).
Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa. Peinlich, peinlich, peinlich.

Soweit zu unserer kleinen worst of. Sie ist selbstredend nicht erschöpfend. Und die Klopfer wären noch viel, viel übler, wenn nicht die Betaleser und das Lektorat ständig ein Adlerauge auf den Text gerichtet hielten, während der Autor selbst sein Geschreibsel naturgemäß durch die rosarote Brille betrachtet. Um diese Gefahr zu minimieren hab ich mir jetzt einen kleinen optischen Trick überlegt (siehe Foto oben). Ob's hilft? We'll see.
Bis bald an dieser Stelle bleibe ich Ihr und Euer
Stephan M. Rother
postscriptum: Neue Bebrillung soll vor allem die Nachtsichtfähigkeiten und die Tiefenschärfe bei bedecktem Himmel stärken. Das funktioniert tatsächlich!
Donnerstag, 17. März 2011
What a mess (wieder einmal)
Eine der großen deutschen Buchmesse zu besuchen, ohne Terminstress, ohne Rummel um eine eigene aktuelle Veröffentlichungen - irgendwie ist das ein richtig ungewohntes Gefühl geworden. Wenn ich richtig rechne, dürfte es sieben Jahre her sein, dass wir das zum letzten Mal erlebt haben. Wir konnten uns wirklich nicht mehr erinnern, wie sich das anfühlte, dieses traumhaft leichte, schwerelose Gefühl ...

Um ehrlich zu sein: Mir tut jeder Knochen im Leibe weh. Ja, es WAR schön, und gerade die überraschenden Dinge und Begegnungen haben diesen Tag in Leipzig zu etwas Besonderem gemacht. Oh, und der Cappuccino der Messegastronomie war wirklich schweinegut. Doch das ändert nichts daran: Am Ende ist man einfach t.o.t.
Gut, das könnte mit den zwei Stunden Schlaf in der vorangegangenen Nacht zusammenhängen - schließlich liege ich in den letzten Zügen mit "Montezumas Rache", einem High Fantasy-Titel, mit dem ich kommende Woche den Baumhaus-Verlag zu beglücken gedenke, und irgendwo muss man sich die Zeit nun abknappsen. Und seitdem es vorbei ist mit der standup historisierenden Tingelei bin ich auch autotechnisch nicht mehr recht im Training.

Doch letztlich kommt es darauf an, was man aus einem solchen Tag macht. Letztendlich bin ich dann zwar mehrfach über meine Tränensäcke gestolpert, aber dennoch: Schee' war's. Auf die Begegnung mit Matthias Mensing, der mit dem Nexus e.V. den heraufdämmernden Berliner Burg-Con vorstellte, waren wir schon gefasst. Keine Chance, wir wissen, wo er zu finden ist, und so suchen wir ihn jedes Mal heim. Eine - wirklich fast unheimliche - Begegnung der dritten Art habe ich dagegen mit Jo Löffler erlebt, mit dem wir lange Zeit für verschiedene Panini-Projekte (Everquest, Hellgate, Devil may cry, 'Mystic&Entertainment'-Magazin usw.) zusammengearbeitet haben. Nichts Böses ahnend beuge ich mich über das pittoreske Cover von "Sissi die Vampirjägerin", als ich ganz unvermittelt dieses vertraute Timbre vernehme ... Ich glaube, ich hab noch mindestens eine halbe Stunde durchgegrinst. Wir müssen unbedingt mal wieder was zusammen anstellen.

Doch schließlich war es ja nun eine Buchmesse - wenn man da aufmerksam durch die Gänge wandelt, trifft man ganz unvermittelt noch auf ganz andere alte Freunde. Auch diese im Bilde festgehalten.
Nichts Dramatisches also in diesem Jahr, oder, wie Edith Passon sagen würde:
Tot, aber gut.

Tränensäcke auf sämtlichen Bildern (c) by Montezumas Rache
Bis zum nächsten Mal - dann mit weiteren Erstaunlichkeiten aus der Kategorie "Dichtung und Wahrheit" - bleibe ich Ihr und Euer
Stephan M. Rother

Um ehrlich zu sein: Mir tut jeder Knochen im Leibe weh. Ja, es WAR schön, und gerade die überraschenden Dinge und Begegnungen haben diesen Tag in Leipzig zu etwas Besonderem gemacht. Oh, und der Cappuccino der Messegastronomie war wirklich schweinegut. Doch das ändert nichts daran: Am Ende ist man einfach t.o.t.
Gut, das könnte mit den zwei Stunden Schlaf in der vorangegangenen Nacht zusammenhängen - schließlich liege ich in den letzten Zügen mit "Montezumas Rache", einem High Fantasy-Titel, mit dem ich kommende Woche den Baumhaus-Verlag zu beglücken gedenke, und irgendwo muss man sich die Zeit nun abknappsen. Und seitdem es vorbei ist mit der standup historisierenden Tingelei bin ich auch autotechnisch nicht mehr recht im Training.

Doch letztlich kommt es darauf an, was man aus einem solchen Tag macht. Letztendlich bin ich dann zwar mehrfach über meine Tränensäcke gestolpert, aber dennoch: Schee' war's. Auf die Begegnung mit Matthias Mensing, der mit dem Nexus e.V. den heraufdämmernden Berliner Burg-Con vorstellte, waren wir schon gefasst. Keine Chance, wir wissen, wo er zu finden ist, und so suchen wir ihn jedes Mal heim. Eine - wirklich fast unheimliche - Begegnung der dritten Art habe ich dagegen mit Jo Löffler erlebt, mit dem wir lange Zeit für verschiedene Panini-Projekte (Everquest, Hellgate, Devil may cry, 'Mystic&Entertainment'-Magazin usw.) zusammengearbeitet haben. Nichts Böses ahnend beuge ich mich über das pittoreske Cover von "Sissi die Vampirjägerin", als ich ganz unvermittelt dieses vertraute Timbre vernehme ... Ich glaube, ich hab noch mindestens eine halbe Stunde durchgegrinst. Wir müssen unbedingt mal wieder was zusammen anstellen.

Doch schließlich war es ja nun eine Buchmesse - wenn man da aufmerksam durch die Gänge wandelt, trifft man ganz unvermittelt noch auf ganz andere alte Freunde. Auch diese im Bilde festgehalten.
Nichts Dramatisches also in diesem Jahr, oder, wie Edith Passon sagen würde:
Tot, aber gut.

Tränensäcke auf sämtlichen Bildern (c) by Montezumas Rache
Bis zum nächsten Mal - dann mit weiteren Erstaunlichkeiten aus der Kategorie "Dichtung und Wahrheit" - bleibe ich Ihr und Euer
Stephan M. Rother
Dienstag, 15. März 2011
Dichtung und Wahrheit (3): Die Sache mit Rom
Vorweg: Eine sehr hübsche und engagierte Besprechung der Babylon-Geschichte seit letzter Woche im Blog von Àlfkonas Märchenwelt. Viel Spaß beim Lesen!
Nun aber die Fortsetzung unserer Tour durch das noch nicht ansatzweise enthüllte Geflecht von Dichtung und Wahrheit in Amadeos zweitem Abenteuer.
Das Babylon-Virus
Achtung: Spoiler
1) Nachdem wir bereits im vergangenen Posting mit einer vage unappetitlichen Szene eingestiegen sind, machen wir doch gleich mit der nächsten weiter. Da sind Amadeo Fanelli und Rebecca Steinmann auf dem cimitero acattolico in Rom unterwegs, auf der Suche nach dem Grabe des verstorbenen August von Goethe. Nun wird jeder, der das Gräberfeld zu Füßen der Aurelianischen Stadtmauer einmal besucht hat, bestätigen können, dass man sich dort tatsächlich verlaufen kann. Nachts sowieso - jedenfalls gehe ich davon aus; ich war noch nie dort um diese Uhrzeit. Wahrheit ist auf jeden Fall, dass das gesamte Gelände nach Einbruch der Dunkelheit besonders gesichert ist. Wahrheit ist ebenfalls, dass das schon historische Gründe hat in der Hauptstadt der katholischen Christenheit. Selbst Amadeos Bemerkung, im neunzehnten Jahrhundert wären die Begräbniszüge von Nichtkatholiken in Rom noch mit Unrat beworfen worden, entspricht der Wahrheit. Eine Übersichtskarte der Situation auf dem cimitero findet sich auf der offiziellen Seite des Friedhofs.
2) Nicht weniger wirr und irr als der protestantische Gottesacker präsentiert sich in unserer Geschichte allerdings der Moloch Rom selbst. Sei es dottore Fanellis von allerlei Panikreaktionen begleiteter Spaziergang am ersten Tag, sei es Rebeccas Parkplatzsuche angesichts eines Streiks der römischen Verkehrsbetriebe Tags darauf oder gar der Weg durch den nächtlichen Parco della Resistenza am dritten (mitsamt einer meiner persönlichen Lieblingsszenen, Stichwort: 'Drück mich gegen die Wand!') - jedes Mal entsteht ein labyrinthischer, vielleicht auch vage klaustrophobischer Eindruck, was wohl in einer Millionenstadt, die sich mit einer tödlichen Seuche konfrontiert sieht, nicht weit von der Wahrheit entfernt sein dürfte.
Nun lässt sich zwar per GoogleMaps ein recht flotter Überblick gewinnen: Bei der Maps-Suche "chiesa di santa sabina" eingeben. Ergebnis A führt uns in die richtige Region - es lohnt sich übrigens, auf "Satellit" umzuschalten. Ziemlich genau südlich (also weiter unten auf der Karte) finden wir dann die "Via Oddone di Cluny", die Adresse der Officina di Tomasi. Gegenüber der Einmündung in die Viale Manlio Gelsomini ist dann auch der "Parco della Resistenza dell'Otto Settembre" zu erkennen. Da nun aber Amadeo Fanellis Arbeitsstätte selbst in der Bereich der Dichtung zu verweisen ist, habe ich die Ortsbezeichnung jeweils ein wenig verkürzt, nämlich zur Via Oddone (Oddone di Cluny, zu deutsch "Otto von Cluny", war der spätere Papst Urban II.; derjenige Papst übrigens, der die Kreuzzüge losgetreten hat) bzw. dem Parco della Resistenza (die Anfügung mit dem Otto Settembre hat nun wiederum nichts mit einem Otto zu tun, sondern schlicht mit dem Datum des achten September; man erinnert sich vielleicht an Kevin Kline, der in "Ein Fisch namens Wanda" darauf besteht, 'Otto' sei ein italienischer Name).
Noch etwas weiter südlich haben wir dann an der großen Kreuzung die Porta di San Pietro und die Cestius-Pyramide; links angrenzend den cimitero acattolico und weiter rechts das Stadtviertel, durch das Amadeo am ersten Abend irrt. Die Caracalla-Thermen sind in der Satelliten-Ansicht sehr eindrucksvoll auszumachen.
So weit der angesprochene Überblick. Nun düst dottore Fanelli nebst Gefährtin aber nicht im Tiefflug über die Ewige Stadt, sondern ist zu Fuß unterwegs, und da kann dann von Überblick schon viel weniger die Rede sein. Doch auch das lässt sich in der brave new virtual world nacherleben. Ziehen wir an unserem Ausgangspunkt, der Chiesa di Santa Sabina, einfach das StreetView-Männchen (oranges Männchen oberhalb von dem Schieberegler, mit dem man ein- und auszoomen kann) auf die vorgelagerte Straße, die "Via di Santa Sabina", so können wir uns durch die Gassen rund um Amadeos Arbeitsstätte bewegen. Wenden wir uns dabei auf der Via di Santa Sabina nach Südwesten (also Richtung unten links; im kleinen Karten- bzw. Satellitenansichtsfenster wird angezeigt, in welche Richtung wir gerade schauen. Erfordert ein wenig Übung, aber selbst ich hab's irgendwann hingekriegt). Folgen wir der Straße nun immer weiter geradeaus ... und weiter ... genau, noch weiter. Sieht zwar aus, als ob man gleich gegen eine Mauer stößt, aber der Aufnahmewagen ist hübsch einen Bogen gefahren. So, und jetzt, kurz bevor die Orientierungslinie einen Knick macht, erreichen wir einen schweinegroßen freien Platz, auf dem ein paar hundert Fahrzeuge halten könnten - stände da nicht zu Füßen einer nicht sonderlich vertrauenerweckenden Mauer ein Einsatzwagen der örtlichen Carabinieri. Und die beiden Herren, die daneben warten: Babylon-Virus, Seite 72 f. - die Nasen kennen wir doch! Da es noch keine italienische Übersetzung des Romans gibt, ahnen sie vermutlich noch nichts von ihrer literarischen Berühmtheit.
Mir bleibt jetzt eigentlich nur, Ihnen viel Spaß zu wünschen, wenn Sie Amadeos Revier vielleicht ein wenig erkunden. Bewegen Sie sich rund um den Parco della Resistenza, entdecken Sie die Bushaltestelle an der Einmündung der Via Oddone (ja, genau die, die bestreikt wird), kehren Sie auf der Viale Aventino in Amadeos Stammbistro ein oder schauen Sie mal auf der Via Caio Cestio vorbei, wo Amadeo und Rebecca auf das Friedhofsgelände klettern. Gegenüber auch das Geschäftsgelände, wo finstere Gestalten (diesmal nicht im Bild) von einem Flachdachgebäude aus die Vorgänge auf dem cimitiero verfolgen.
Es ist ein spannendes Erlebnis, Rom auf diese Weise zu erkunden - und lehrreich dazu. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt. Und sei es, dass Sie einen Roman in der Ewigen Stadt spielen lassen, obwohl Sie seit Jahren nicht dort gewesen sind.
Das funktioniert, wetten?
Wobei, meine ganz persönliche Empfehlung: Das komplette Bild bekommen Sie am Sichersten, indem sie ganz einfach den Roman lesen.
Bis zum nächsten Mal bleibe ich Ihr und Euer
Stephan M. Rother
Nachbemerkung: Ein Detail sollte ich noch anfügen. Ich habe keinerlei zuverlässige Hinweise darauf, dass der "Parco della Resistenza dell'Otto Settembre" nach Einbruch der Dunkelheit tatsächlich ein irgendwie zwielichtiger Ort wäre. Das ist jetzt keine Empfehlung, ihn zu Nachtzeiten aufzusuchen oder umgekehrt ein Rat, es nicht zu tun, weil's ja doch nichts Spektakuläres zu sehen gäbe. Denn man kann ja nie wissen: Wenn vielleicht doch mal die italienische Übersetzung kommt, könnte das ganz, ganz anders aussehen.
Nun aber die Fortsetzung unserer Tour durch das noch nicht ansatzweise enthüllte Geflecht von Dichtung und Wahrheit in Amadeos zweitem Abenteuer.
Das Babylon-Virus
Achtung: Spoiler
1) Nachdem wir bereits im vergangenen Posting mit einer vage unappetitlichen Szene eingestiegen sind, machen wir doch gleich mit der nächsten weiter. Da sind Amadeo Fanelli und Rebecca Steinmann auf dem cimitero acattolico in Rom unterwegs, auf der Suche nach dem Grabe des verstorbenen August von Goethe. Nun wird jeder, der das Gräberfeld zu Füßen der Aurelianischen Stadtmauer einmal besucht hat, bestätigen können, dass man sich dort tatsächlich verlaufen kann. Nachts sowieso - jedenfalls gehe ich davon aus; ich war noch nie dort um diese Uhrzeit. Wahrheit ist auf jeden Fall, dass das gesamte Gelände nach Einbruch der Dunkelheit besonders gesichert ist. Wahrheit ist ebenfalls, dass das schon historische Gründe hat in der Hauptstadt der katholischen Christenheit. Selbst Amadeos Bemerkung, im neunzehnten Jahrhundert wären die Begräbniszüge von Nichtkatholiken in Rom noch mit Unrat beworfen worden, entspricht der Wahrheit. Eine Übersichtskarte der Situation auf dem cimitero findet sich auf der offiziellen Seite des Friedhofs.
2) Nicht weniger wirr und irr als der protestantische Gottesacker präsentiert sich in unserer Geschichte allerdings der Moloch Rom selbst. Sei es dottore Fanellis von allerlei Panikreaktionen begleiteter Spaziergang am ersten Tag, sei es Rebeccas Parkplatzsuche angesichts eines Streiks der römischen Verkehrsbetriebe Tags darauf oder gar der Weg durch den nächtlichen Parco della Resistenza am dritten (mitsamt einer meiner persönlichen Lieblingsszenen, Stichwort: 'Drück mich gegen die Wand!') - jedes Mal entsteht ein labyrinthischer, vielleicht auch vage klaustrophobischer Eindruck, was wohl in einer Millionenstadt, die sich mit einer tödlichen Seuche konfrontiert sieht, nicht weit von der Wahrheit entfernt sein dürfte.
Nun lässt sich zwar per GoogleMaps ein recht flotter Überblick gewinnen: Bei der Maps-Suche "chiesa di santa sabina" eingeben. Ergebnis A führt uns in die richtige Region - es lohnt sich übrigens, auf "Satellit" umzuschalten. Ziemlich genau südlich (also weiter unten auf der Karte) finden wir dann die "Via Oddone di Cluny", die Adresse der Officina di Tomasi. Gegenüber der Einmündung in die Viale Manlio Gelsomini ist dann auch der "Parco della Resistenza dell'Otto Settembre" zu erkennen. Da nun aber Amadeo Fanellis Arbeitsstätte selbst in der Bereich der Dichtung zu verweisen ist, habe ich die Ortsbezeichnung jeweils ein wenig verkürzt, nämlich zur Via Oddone (Oddone di Cluny, zu deutsch "Otto von Cluny", war der spätere Papst Urban II.; derjenige Papst übrigens, der die Kreuzzüge losgetreten hat) bzw. dem Parco della Resistenza (die Anfügung mit dem Otto Settembre hat nun wiederum nichts mit einem Otto zu tun, sondern schlicht mit dem Datum des achten September; man erinnert sich vielleicht an Kevin Kline, der in "Ein Fisch namens Wanda" darauf besteht, 'Otto' sei ein italienischer Name).
Noch etwas weiter südlich haben wir dann an der großen Kreuzung die Porta di San Pietro und die Cestius-Pyramide; links angrenzend den cimitero acattolico und weiter rechts das Stadtviertel, durch das Amadeo am ersten Abend irrt. Die Caracalla-Thermen sind in der Satelliten-Ansicht sehr eindrucksvoll auszumachen.
So weit der angesprochene Überblick. Nun düst dottore Fanelli nebst Gefährtin aber nicht im Tiefflug über die Ewige Stadt, sondern ist zu Fuß unterwegs, und da kann dann von Überblick schon viel weniger die Rede sein. Doch auch das lässt sich in der brave new virtual world nacherleben. Ziehen wir an unserem Ausgangspunkt, der Chiesa di Santa Sabina, einfach das StreetView-Männchen (oranges Männchen oberhalb von dem Schieberegler, mit dem man ein- und auszoomen kann) auf die vorgelagerte Straße, die "Via di Santa Sabina", so können wir uns durch die Gassen rund um Amadeos Arbeitsstätte bewegen. Wenden wir uns dabei auf der Via di Santa Sabina nach Südwesten (also Richtung unten links; im kleinen Karten- bzw. Satellitenansichtsfenster wird angezeigt, in welche Richtung wir gerade schauen. Erfordert ein wenig Übung, aber selbst ich hab's irgendwann hingekriegt). Folgen wir der Straße nun immer weiter geradeaus ... und weiter ... genau, noch weiter. Sieht zwar aus, als ob man gleich gegen eine Mauer stößt, aber der Aufnahmewagen ist hübsch einen Bogen gefahren. So, und jetzt, kurz bevor die Orientierungslinie einen Knick macht, erreichen wir einen schweinegroßen freien Platz, auf dem ein paar hundert Fahrzeuge halten könnten - stände da nicht zu Füßen einer nicht sonderlich vertrauenerweckenden Mauer ein Einsatzwagen der örtlichen Carabinieri. Und die beiden Herren, die daneben warten: Babylon-Virus, Seite 72 f. - die Nasen kennen wir doch! Da es noch keine italienische Übersetzung des Romans gibt, ahnen sie vermutlich noch nichts von ihrer literarischen Berühmtheit.
Mir bleibt jetzt eigentlich nur, Ihnen viel Spaß zu wünschen, wenn Sie Amadeos Revier vielleicht ein wenig erkunden. Bewegen Sie sich rund um den Parco della Resistenza, entdecken Sie die Bushaltestelle an der Einmündung der Via Oddone (ja, genau die, die bestreikt wird), kehren Sie auf der Viale Aventino in Amadeos Stammbistro ein oder schauen Sie mal auf der Via Caio Cestio vorbei, wo Amadeo und Rebecca auf das Friedhofsgelände klettern. Gegenüber auch das Geschäftsgelände, wo finstere Gestalten (diesmal nicht im Bild) von einem Flachdachgebäude aus die Vorgänge auf dem cimitiero verfolgen.
Es ist ein spannendes Erlebnis, Rom auf diese Weise zu erkunden - und lehrreich dazu. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt. Und sei es, dass Sie einen Roman in der Ewigen Stadt spielen lassen, obwohl Sie seit Jahren nicht dort gewesen sind.
Das funktioniert, wetten?
Wobei, meine ganz persönliche Empfehlung: Das komplette Bild bekommen Sie am Sichersten, indem sie ganz einfach den Roman lesen.
Bis zum nächsten Mal bleibe ich Ihr und Euer
Stephan M. Rother
Nachbemerkung: Ein Detail sollte ich noch anfügen. Ich habe keinerlei zuverlässige Hinweise darauf, dass der "Parco della Resistenza dell'Otto Settembre" nach Einbruch der Dunkelheit tatsächlich ein irgendwie zwielichtiger Ort wäre. Das ist jetzt keine Empfehlung, ihn zu Nachtzeiten aufzusuchen oder umgekehrt ein Rat, es nicht zu tun, weil's ja doch nichts Spektakuläres zu sehen gäbe. Denn man kann ja nie wissen: Wenn vielleicht doch mal die italienische Übersetzung kommt, könnte das ganz, ganz anders aussehen.
Mittwoch, 9. März 2011
Dichtung und Wahrheit (2): Die Sache mit Goethe
So, ich hab's versprochen. Nun möchte ich auch zeitnah loslegen mit den angekündigten apokryphen Informationen.
Das Babylon-Virus
Achtung: Spoiler
1) Wir - die Leser und ich - erinnern uns an die etwas unappetitliche Szene, in der Amadeo Fanelli am Rande des Petzinsees im Trüben fischt und dabei dies und das zum Vorschein bringt (Getränkedose, gebrauchtes Kondom), nur nicht das gesuchte Depot des verblichenen Albert Einstein. Stattdessen erwähnen drei jugendliche Rabauken ganz nebenbei, dass der Bahndamm, zu dessen Füßen dottore Fanelli gerade im Schlamm wühlt, erst zu DDR-Zeiten gebaut wurde. (Die DDR wäre 'so was wie Krieg' gewesen, lässt einer der Jungs nebenbei fallen. Das Zitat ist natürlich bei Martin Sonneborn geklaut.)
Diese Erklärungen fallen in den Bereich Wahrheit. Der Bahndamm ist tatsächlich erst in DDR-Zeiten entstanden. Hintergrund war der Wunsch der Machthaber, in dieser Region eine Bahnlinie zur Verfügung zu haben, die nicht über West-Berliner Gebiet führte. Einige interessante Informationen dazu sind hier nachzulesen.
2) Schließlich - ich will den Hergang nicht zu ausführlich referieren. Das Buch lässt sich auf zwei Mal lesen. Lohnt sich, ehrlich ... Also, schließlich gelangt Amadeo letztendlich doch an die Hinterlassenschaften des Entdeckers der Relativitätstheorie, und siehe da: Am vermeintlichen Ende der Rätselfährte steht nichts anderes als ein neues Rätsel. Allerdings eines, das es in sich hat.
Nun habe ich lange hin und her überlegt, ob ich den geheimnisvollen Text des Johann Wolfgang von Goethe vollständig wiedergeben sollte oder nicht. Es ist mir nämlich gelungen, diesen Text vollständig zu, äh, rekonstruieren. Nein, um ehrlich zu sein: Selbstverständlich fallen alle im Buch eingestreuten Babylon-Überlieferungen in die Kategorie Dichtung. Das ändert allerdings nichts daran, dass Goethes Babylon-Text vollständig vorliegt, weit über die letztendlich im Roman eingestreuten Ausschnitte hinaus, auf die mehr oder minder zufällig dottore Fanellis oder Professor Helmbrechts Auge fällt. An dieser Stelle sei nun der Gesamttext erstmals der Öffentlichkeit zuständig gemacht. (Mein Rat: Der Leser stelle sich einen alten Herrn mit Schnapsnase und Nickelbrille vor, der die Worte etwas übertrieben deklamiert. Dann wird's noch eindrucksvoller):
Als der Menschen Schar dereinest
nach dem Osten auf sich machte,
wusst’ der Eine stets aufs Feinest,
was der And’re sprach und dachte.
Fröhlich im Vereine
rief man sich im Nu
hier das Allgemeine
stets im Urwort zu.
Auf, ihr Brüder,
brennt die Ziegel!
Brecht das Siegel
sterblich Lebens!
Uns’re Namen künden Lieder:
Krone allen ird’schen Strebens.
Ziegel wird aus Lehm gegossen,
Erdharz gründet fest die Mauern,
die zu Sinear entsprossen:
Bauwerk, ewiglich zu dauern.
Auf zum Himmelszelte!
Bunter Menschheit Schar
lockt der unverstellte
Ruhm gen Sinear.
Stein auf Steine,
Schicht auf Schichte,
hin zum Lichte,
aufwärts steige,
bis am End’ selbst Gott alleine
uns’rem Werk sein Haupte neige.
Da fährt Gott voll Zorn hernieder,
sieht der Menschen ruchlos Walten:
Stein auf Steine! Wieder! Wieder!
Nichts zwingt sie zum Innehalten.
Einig Sprach’ und Zungen,
einig Will’ und Wort.
Ist dies Werk gelungen,
dauert’s ewig fort.
Engel, eilet!
Dies zu enden
will ich senden
Pestilenzen.
Die ihr Krankheits Keim verteilet,
weiset mir dies Volk in Grenzen!
Menschen, die gleich Brüdern waren,
sieht man Zung’ und Sprach’ sich wirren.
Matt lässt’s Volk die Steine fahren,
um in fernste Land’ zu irren:
Dumpfer Wälder Hitze,
Nordlands eis’ge Luft.
Gottes Erben Sitze,
Gottes Sohnes kühle Gruft.
Süden, Norden,
Osten, Westen,
ziehn die Besten.
Bangheit steiget,
dass der grimme Gott mög’ morden,
was ihm Ehrfurcht nicht bezeiget.
Sieht voll Zweifel Gott ins Weite:
Die nach seinem Bild erschaffen’
und von seiner Seuch’ entzweite
Menschheit scheint’s dahinzuraffen.
Blickt von hoher Warte
auf sein Volk herab,
wägt mit sich im Rate
Für und Wider ab.
Engel, eilet
nun auf’s Neue,
die ihr Treue
habt geschworen!
Unter meinem Volk verteilet
Heilung, dass es nicht verloren!
So erreicht in letzter Stunde
der verstreuten Menschen Wohnung
ihrer Rettung frohe Kunde:
Gottes Gabe der Verschonung.
Doch nach kurzem Fristen
sorgt man sich um Trug
und entführt mit Listen
jener Heilung Krug.
Zu den Bergen
gegen Morgen
voll der Sorgen
durch die Pforte
zieh’n sie, winzigklein gleich Zwergen,
bergen ihn an diesem Orte.
Nun bin ich sicherlich der Letzte, der das beurteilen könnte, aber für mich persönlich rangiert dieses Poem recht weit oben unter denjenigen Goethe-Gedichten, die Goethe nicht geschrieben hat.
Und auf welchen Ort nun am Ende verwiesen wird ... Darüber weiß der Roman zu berichten, sowie - wer weiß - demnächst an dieser Stelle auch dieses Blog.
Unsere Reihe "Dichtung und Wahrheit" wird in jedem Fall fortgesetzt.
Bis dahin aber bleibe ich wiederum Ihr und Euer
Stephan M. Rother
Das Babylon-Virus
Achtung: Spoiler
1) Wir - die Leser und ich - erinnern uns an die etwas unappetitliche Szene, in der Amadeo Fanelli am Rande des Petzinsees im Trüben fischt und dabei dies und das zum Vorschein bringt (Getränkedose, gebrauchtes Kondom), nur nicht das gesuchte Depot des verblichenen Albert Einstein. Stattdessen erwähnen drei jugendliche Rabauken ganz nebenbei, dass der Bahndamm, zu dessen Füßen dottore Fanelli gerade im Schlamm wühlt, erst zu DDR-Zeiten gebaut wurde. (Die DDR wäre 'so was wie Krieg' gewesen, lässt einer der Jungs nebenbei fallen. Das Zitat ist natürlich bei Martin Sonneborn geklaut.)
Diese Erklärungen fallen in den Bereich Wahrheit. Der Bahndamm ist tatsächlich erst in DDR-Zeiten entstanden. Hintergrund war der Wunsch der Machthaber, in dieser Region eine Bahnlinie zur Verfügung zu haben, die nicht über West-Berliner Gebiet führte. Einige interessante Informationen dazu sind hier nachzulesen.
2) Schließlich - ich will den Hergang nicht zu ausführlich referieren. Das Buch lässt sich auf zwei Mal lesen. Lohnt sich, ehrlich ... Also, schließlich gelangt Amadeo letztendlich doch an die Hinterlassenschaften des Entdeckers der Relativitätstheorie, und siehe da: Am vermeintlichen Ende der Rätselfährte steht nichts anderes als ein neues Rätsel. Allerdings eines, das es in sich hat.
Nun habe ich lange hin und her überlegt, ob ich den geheimnisvollen Text des Johann Wolfgang von Goethe vollständig wiedergeben sollte oder nicht. Es ist mir nämlich gelungen, diesen Text vollständig zu, äh, rekonstruieren. Nein, um ehrlich zu sein: Selbstverständlich fallen alle im Buch eingestreuten Babylon-Überlieferungen in die Kategorie Dichtung. Das ändert allerdings nichts daran, dass Goethes Babylon-Text vollständig vorliegt, weit über die letztendlich im Roman eingestreuten Ausschnitte hinaus, auf die mehr oder minder zufällig dottore Fanellis oder Professor Helmbrechts Auge fällt. An dieser Stelle sei nun der Gesamttext erstmals der Öffentlichkeit zuständig gemacht. (Mein Rat: Der Leser stelle sich einen alten Herrn mit Schnapsnase und Nickelbrille vor, der die Worte etwas übertrieben deklamiert. Dann wird's noch eindrucksvoller):
Als der Menschen Schar dereinest
nach dem Osten auf sich machte,
wusst’ der Eine stets aufs Feinest,
was der And’re sprach und dachte.
Fröhlich im Vereine
rief man sich im Nu
hier das Allgemeine
stets im Urwort zu.
Auf, ihr Brüder,
brennt die Ziegel!
Brecht das Siegel
sterblich Lebens!
Uns’re Namen künden Lieder:
Krone allen ird’schen Strebens.
Ziegel wird aus Lehm gegossen,
Erdharz gründet fest die Mauern,
die zu Sinear entsprossen:
Bauwerk, ewiglich zu dauern.
Auf zum Himmelszelte!
Bunter Menschheit Schar
lockt der unverstellte
Ruhm gen Sinear.
Stein auf Steine,
Schicht auf Schichte,
hin zum Lichte,
aufwärts steige,
bis am End’ selbst Gott alleine
uns’rem Werk sein Haupte neige.
Da fährt Gott voll Zorn hernieder,
sieht der Menschen ruchlos Walten:
Stein auf Steine! Wieder! Wieder!
Nichts zwingt sie zum Innehalten.
Einig Sprach’ und Zungen,
einig Will’ und Wort.
Ist dies Werk gelungen,
dauert’s ewig fort.
Engel, eilet!
Dies zu enden
will ich senden
Pestilenzen.
Die ihr Krankheits Keim verteilet,
weiset mir dies Volk in Grenzen!
Menschen, die gleich Brüdern waren,
sieht man Zung’ und Sprach’ sich wirren.
Matt lässt’s Volk die Steine fahren,
um in fernste Land’ zu irren:
Dumpfer Wälder Hitze,
Nordlands eis’ge Luft.
Gottes Erben Sitze,
Gottes Sohnes kühle Gruft.
Süden, Norden,
Osten, Westen,
ziehn die Besten.
Bangheit steiget,
dass der grimme Gott mög’ morden,
was ihm Ehrfurcht nicht bezeiget.
Sieht voll Zweifel Gott ins Weite:
Die nach seinem Bild erschaffen’
und von seiner Seuch’ entzweite
Menschheit scheint’s dahinzuraffen.
Blickt von hoher Warte
auf sein Volk herab,
wägt mit sich im Rate
Für und Wider ab.
Engel, eilet
nun auf’s Neue,
die ihr Treue
habt geschworen!
Unter meinem Volk verteilet
Heilung, dass es nicht verloren!
So erreicht in letzter Stunde
der verstreuten Menschen Wohnung
ihrer Rettung frohe Kunde:
Gottes Gabe der Verschonung.
Doch nach kurzem Fristen
sorgt man sich um Trug
und entführt mit Listen
jener Heilung Krug.
Zu den Bergen
gegen Morgen
voll der Sorgen
durch die Pforte
zieh’n sie, winzigklein gleich Zwergen,
bergen ihn an diesem Orte.
Nun bin ich sicherlich der Letzte, der das beurteilen könnte, aber für mich persönlich rangiert dieses Poem recht weit oben unter denjenigen Goethe-Gedichten, die Goethe nicht geschrieben hat.
Und auf welchen Ort nun am Ende verwiesen wird ... Darüber weiß der Roman zu berichten, sowie - wer weiß - demnächst an dieser Stelle auch dieses Blog.
Unsere Reihe "Dichtung und Wahrheit" wird in jedem Fall fortgesetzt.
Bis dahin aber bleibe ich wiederum Ihr und Euer
Stephan M. Rother
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