Montag, 24. Januar 2011

Null Bock?

Manchmal ...



Manchmal kriegt man's einfach nicht hin, sich aufzuraffen. Der junge Mann im Bild oben hat eigentlich einen fest definierten Job, den wir mit "Inspiration" umschreiben dürfen. Nach dem Motto: Wenn er nicht fließen will, der stream of consciousness, schau ich mal eben die Katze an, und schon fließen sie, die Ideen. Soweit die Theorie. Die Frage ist: Wer motiviert die Katze?

Erfahrungsgemäß gibt es dann nur eine Chance, aus dieser Null Bock-Haltung rauszukommen. Eine kleine Wanderung, Sauerstoff, atmen. Schlechtes Wetter gibt es bekanntlich nicht - und schließlich habe ich den Rungholt-Showdown zu schreiben.



Und siehe da - plötzlich kamen die Jungs um die Ecke. Ich bin mir nicht ganz sicher, wer von uns sich mehr erschrocken hat.

Doch ich hab eine Vermutung.

Bis bald an dieser Stelle bleibe ich Ihr und Euer


Stephan M. Rother

Freitag, 31. Dezember 2010

Magischer Realismus

Joseph Ratzinger a.k.a. Benedikt XVI. bekannte vor einigen (wenigen) Jahren, keine Sekundärliteratur mehr zu lesen. Chuzpe?, habe ich mich stirnrunzelnd gefragt. Für seine Chuzpe ist er eigentlich nicht so mörderisch bekannt, der Ratzinger.
Das Seltsame ist, dass ich ihn zunehmend besser verstehe. In der Vorbereitung auf meine aktuelle Arbeit - die Halliggeschichte - habe ich etliche hundert Seiten Sekundärliteratur studiert. Und jetzt, da ich am Schreiben bin, stelle ich fest, dass sich das Wenigste davon mit meiner Geschichte verträgt. Nicht ganz einfach, alles auf einen Schlag wieder zu vergessen. Und sicherlich auch eine Vermessenheit: Vergessen als aktiver Vorgang ist uns (als Spezies) nun mal nicht gegeben. Das kriegt nicht mal Ratzinger hin.



Nein, ich glaube, dass die entscheidenden Impulse zu einer Geschichte aus vollständig anderen Quellen stammen. Das angelesene Wissen spielt kaum eine Rolle. Nicht für einen belletristischen Autor jedenfalls. Und an dieser Stelle gehe ich vollkommen konform mit Reich-Ranitzki und seiner Überzeugung, dass derjenige, der sich Sachinformationen über einen bestimmten Gegenstand, eine Zeitepoche usw. erhofft, doch bitte zum Sachbuch greifen möge. Das sollte ja tendenziell objektiver geschrieben sein - das Fachbuch schon sowieso. Ich bin Romanautor und schreibe per definitionem subjektiv. Der vorgebliche Gegenstand muss keineswegs der eigentliche Gegenstand sein. Angenommen, man gäbe Hohlbein, Fitzek, diesem Mann, der über die Himmelsscheibe von Nebra geschrieben hat, und mir dasselbe Konvolut an Sekundärliteratur in die Hand, sperrte uns in eine finstere Kammer und zwänge uns, z.B. einen Atlantis-Roman zu schreiben: Würde bei allen dasselbe rauskommen? Mit Sicherheit nicht. Wir hätten was falsch gemacht, wenn es so wäre, alle vier. Ein Leser, der zu einem Roman greift, kann etwas anderes erwarten. Ich behaupte: Er kann mehr erwarten. Die eigentliche Geschichte muss immer aus dem Autor selbst kommen. Es sind die Quellen in seinem Innern, Quellen, die von ganz individuellen Zuflüssen gespeist werden (und die er in vielen Fällen selbst nicht kennt, weil sich diese Zuflüsse dem menschlichen Auge entziehen), die eine Erzählung einzigartig machen.



Wenn der Leser also unter dem Weihnachtsbaum möglicherweise "Das Babylon-Virus" gefunden hat, gebe er sich nicht dem Glauben hin, er könne aus diesem Buch etwas über Einstein, Goethe, Händel, Friedrich II. von Hohenstaufen, über Alexander den Großen, Aristoteles - oder Gianna Nannini erfahren. Über den Turmbau zu Babel oder den ISAF-Einsatz in Afghanistan. All das spielt eine Rolle in diesem Roman - aber all das ist neu gruppiert, ist gespiegelt und gefärbt. All das ist eine neue, gemeinsame Geschichte. Sie wird nicht lügen über die angesprochenen Personen und Tatbestände - aber die eigentliche Wahrheit sagt sie nur über den Autor und die Dinge, die ihm wirklich am Herzen liegen.

Aktuelle Musik: Leonard Cohen - Live in London
Aktuelle Lektüre: Mark Helprin - Wintermärchen
Aktuelles Projekt: Rungholt

Und damit haben wir im alten Jahr doch noch etwas verraten :)



Unsere Illustrationen zeigen winterliche Ziele der vergangenen Wochen. Von oben nach unten:

1) St. Georg in Eutzen, ein kleines gotisches Kirchlein in einem Dörfchen nahe Wittingen. Das Gotteshaus hat kaum Kapellengröße - die Reformation hat es nur überlebt, weil es zu diesem Zeitpunkt nicht als Kapelle geführt wurde, sondern als mater combinata gemeinsam mit St. Katharinen in Knesebeck. Yep, da war Magister Wasmods Familie am Werk.
2) Die Mühlenkirche in Veltenhof (zu Braunschweig). Ich habe mir schon vorgenommen, dort noch einmal intensiver zu verweilen. Die Kälte hat mich weniger geschreckt, aber meine Frau, meine Eltern und mein Bruder saßen mit im Wagen.
3) und 4) Die ehemalige Klosterkirche Mariental bei Helmstedt - von Altenberg aus gegründet, das selbst direkt auf Morimond zurückgeht. Dort habe ich verweilt ... zum Runterkommen. Ich hatte Zweifel, ob die Rückfahrt angesichts der Straßenverhältnisse überhaupt durchzuhalten sein würde.



Wappnen wir uns gegen die Wahnsinnigen mit ihren Böllern und bringen wir die Silvesternacht mit Anstand hinter uns.

Bis zum nächsten Jahr bleibe ich Ihr und Euer

Stephan M. Rother

Freitag, 17. Dezember 2010

Sense of wonder

„Was lesen Sie denn eigentlich selbst?“ – Das dürfte wohl eine der häufigsten Fragen sein, mit denen sich ein Schriftsteller konfrontiert sieht. Die kann der Autor jetzt beantworten, frei nach dem Motto, dass es keine dummen Fragen gibt, sondern eben nur dumme Antworten. Und diese konkrete Frage ist ja nicht einmal dumm. Sie greift allerdings zu kurz.

Die Antwort kann nur dann wirklich erhellend sein, wenn die Frage folgendermaßen gestellt wird: „Was lesen Sie denn eigentlich selbst – und warum zur Hölle tun Sie sich das an?“



Wer dieses Blog regelmäßig verfolgt, wird sich vielleicht erinnern, dass ich mir zum Ziel gesetzt habe, jedes Jahr eine Reihe von Erfolgstiteln aus den Bestsellerlisten zu konsumieren. Ich habe ja ein gewisses Interesse daran, nicht nur gute Bücher, sondern auch erfolgreiche Bücher zu schreiben, und da kann es nicht schaden, abzuprüfen, was viel und gerne gelesen wird. (Bemerkung: Schwachpunkt dieses Verfahrens ist, dass es mit einer Unterstellung arbeitet. Es geht nämlich davon aus, dass das Gros der Probanden seine Lektüre freiwillig konsumiert – anders als der Versuchsleiter. Nach dem Gesetz der großen Zahl sollte das allerdings gewährleistet sein.)



Der zweite Teil der Frage ist damit beantwortet: Warum tu ich mir das an? Der erste Teil, trotz allem vielleicht nicht ganz uninteressant: Was hab ich mir nun in den letzten Monaten angetan?

Beispiel eins: Karen Slaughter. Ich gestehe, dass mir bei der Lektüre von „Gottlos“ zuweilen übel geworden ist angesichts des Ausmaßes von Südstaaten-Borniertheit. Allerdings musste ich dann einsehen, dass ich exakt jenen Fehler gemacht habe, für den ich manche Leser am Liebsten kielholen würde: Nein, die Sichtweise der Protagonistin ist nicht automatisch die Sichtweise der Autorin. „Zerstört“ habe ich mit Spannung und Vergnügen konsumieren können.

Beispiel zwei: Val McDermid. „Die Erfinder des Todes“. Vielleicht hab ich’s einfach nicht begriffen. Sollten da drei Geschichten parallel zueinander erzählt werden? Mindestens eine davon ist schlicht versickert. Und die Figuren waren mir von Herzen unsympathisch

Beispiel drei: Kate Morton. „Der Geheime Garten“. Ein hübsches Buch. Riesenkompliment für Frau Mortons Erzähltechnik. Fünf oder sechs Zeitebenen im Wechsel, und nie reißt der Erzählfaden ab, nie fühlt sich der Leser verwirrt. Ein großer Unterhaltungsroman, gar keine Frage. Hier hatte ich wirklich das Gefühl, etwas zu lernen.

Beispiel vier: Iny Lorentz. Das war der Tiefpunkt. Davon war ich ziemlich lange überzeugt. Noch vor wenigen Jahren wären solche Texte maximal in Form von Lore-Romanen erschienen. Schlecht geschrieben, schlecht recherchiert, Figuren platt wie Abziehbilder. A pain in the ass, wie die angelsächische Welt formulieren würde. Die in aller voyeuristischen Detailverliebtheit geschilderten Gräuel (angeblich diejenigen des Dreißigjährigen Krieges in diesem Fall) werden nur noch übertroffen durch die Gräuel der selbstauferlegten Verpflichtung, einen Text wie „Die Feuerbraut“ lesen zu müssen. Die Spannung, mit der eine solche Geschichte zu verfolgen ist, ist dieselbe Sorte „Spannung“, mit der Verkehrsteilnehmer vor einer Unfallstelle abbremsen: Ja, wo sind sie denn nun, die blutigen Leichenteile?

Beispiel fünf: Nora Roberts. From bad to worse. Superlative wage ich mittlerweile nicht mehr aufzustellen. Lorentz war immerhin noch ein fortlaufender Text. Satz zwei ließ sich gedanklich einigermaßen logisch mit Satz eins verknüpfen. Bei Frau Roberts „Grün“ ist das entschieden nicht der Fall. Position, Gedanken, Zustand der Protagonisten sind schlicht nicht nachvollziehbar. Die Perspektive springt von Satz zu Satz munter von einem Kopf in den nächsten. Figurenzeichnung: unterirdisch. Ambiente: ebenfalls Lore-Roman-Niveau. Spannung: Hey, es geht um das Schicksal der Welt – aber wie soll Spannung aufkommen, wenn die Autorin (die Übersetzerin? das namenlose Lektorat?) keinen vollständigen Satz bilden kann? Wenigstens war’s nicht so widerlich wie bei der Lorentz.

Fazit: Einmal hervorragend, einmal durchmischt, einmal (McDermid) rätselhaft und zwei Mal … wo ist mein Spucktüchlein?



So weit an dieser Stelle … It’s a dirty job, I know, but somebody’s got to do it.

Aktuelle Besprechung der „Letzten Offenbarung“ bei ciao.de – Was soll ich sagen? Ich kann keinen Leser mit der Nase ins Buch drücken: Hey, hast du die zweite Ebene nicht gesehen? Die Parallelität des Erzählten? Amadeo MUSS leiden, damit er aus dem Grabe auferstehen kann! Aber ich freue mich, dass das Buch eben doch als Spannungs-/Unterhaltungsroman funktioniert. Schließlich – back to the start: Ich bin schon ganz gern erfolgreich.



Mein eigenes aktuelles Manuskript aktuell bei 242 Seiten. Erste zarte Andeutungen: Handlungsort: eine Hallig im nordfriesischen Wattenmeer. Genre: Mystery/Coming of age. Personeninventar: eine recht toughe junge Dame von achtzehn Jahren, ein vage verpeilter dänischer Ermittler, ein aus der Zeit gefallener friesischer Inseltyrann und – in ihrer ersten Gastrolle – eine dem ein oder anderen Leser möglicherweise vertraute Forensikerin mit Kurzhaarfrisur. Soundtrack beim Schreiben: Depeche Mode – „Ultra“. Das eigentliche Thema findet sich dort eins zu eins wieder.

Die Illustrationen zu diesem Beitrag aufgenommen in den vergangenen Wochen in und um Bad Bodenteich – größtenteils mit meiner neuen Medion 12.0 Megapixel vom Aldi.

Bis zum nächsten Mal bleibe ich Ihr und Euer


Stephan M. Rother



Notwendige Nachschrift: Kollegenschelte ist was ziemlich Unschönes, und ich gestehe, dass auch ich ein gewisses Magengrimmen habe, mich negativ über Romanveröffentlichungen zu äußern. Auf der anderen Seite: In Zeiten von Books on Demand kann im Grunde jeder Mensch, der des Schreibens kundig ist, Schriftsteller sein (und, siehe oben, offenbar auch etliche Zeitgenossen, auf die das ganz offenbar nicht zutrifft mit der Schreibekundigkeit). Mithin bestände die gesamte Welt aus meinen „Kollegen“ und ich müsste schon mal pauschal den Mund halten. Aber das, bei aller Liebe, seh’ ich nun doch nicht ein.

Dienstag, 30. November 2010

Ich Hase Dich Arschloch!

Ein frostklarer Wintermorgen im idyllischen Minden-Rodenbeck. Gut, das eine oder andere Detail im vorangegangenen Satz mag nicht völlig exakt sein (wir rekurrieren auf das 'idyllisch'), doch im Großen und Ganzen stimmt's. However ...



Ich komme aus dem Grübeln nicht raus, was der Autor mir eigentlich mitteilen wollte. Ob vielleicht eine clevere Mehrdeutigkeit angestrebt war ("Ich Tarzan, Du Jane"; "Ich Hase, Du Arschloch")? Andererseits ist das "Dich" eindeutig ein Akkusativ. Da beißt die Maus keinen Faden ab.
Die Identität des Autors hat sich leider nicht klären lassen - nicht einmal die Spezies; frostklar war's aber kein nennenswerter Schnee und damit auch keine Hasenfährte. Die Großschreibung in der Anrede spricht möglicherweise für eine gewisse konservative geistige Grundhaltung.

Wie geschaffen also für das Ausflugsziel des Tages: Burg Bentheim. Hatte ich mir schon im Vorfeld auskuckt, als der Wochenendbesuch bei Schwiegermutter in Minden-Rodenbeck, dem idyllischen, anstand.



Nun ist die Borniertheit des Menschen potentiell grenzenlos (wie wir seit 'Buddenbrooks' wissen *g*). Wir tragen unsere Vorurteile mit uns rum und sehen sie beim ersten fassbaren Indiz in vollem Umfang bestätigt - ob sie nun potentiell gewalttätige Hasen in Minden-Siewissenschon anbetreffen, hinterwäldlerische Abkömmlinge der Konföderierten (mir wurde ganz übel angesichts der Bagage in der bei Schwiegermuttern aufgefundenen Karin Slaughter-Lektüre - und das waren noch die Sympathieträger) oder den Erbprinzen von Bentheim, der mich aus dem offiziellen Burgführer heraus in einem Jackett anlächelte, bei dem mich die Erinnerung an die Sesselbezüge meiner Großmutter beschlich. Wie mein Onkel gesagt hätte: "Seltsames Völkchen da in der Grafschaft Bentheim, aber Burgen bauen die ..."



Burg Bentheim ist aus etlichen Gründen spannend: Am Anfang steht die Geologie (was ja ganz passend ist). Auf dem Bentheimer Sandstein erhebt sich nicht allein die Burganlage, sondern er war jahrhundertelang - und ist bis heute - auch ein international begehrter Baustoff, aus dem der Fama nach sogar der Sockel der New Yorker Statue of Liberty besteht. Eindrucksvoll ist er auf jeden Fall, dieser Sandsteindurchbruch in einem Gebiet, das ja recht eindeutig der norddeutschen Tiefebene zuzurechnen ist.



Da er aber nun mal da war seit ein paar Millionen Jahren, lag es für die Altvorderen nahe, ihn auch zu nutzen. Die Spuren militärischer Anlagen lassen sich an diesem Ort offenbar über ein Jahrtausend hinweg zurückverfolgen. Kaum verwunderlich ist Burg Bentheim eine der ganz wenigen Höhenburgen der Tiefebene.
Die heutige Anlage ist allerdings vor Allem in der frühen Neuzeit entstanden, bevor größere Auseinandersetzungen - namentlich der Dreißigjährige Krieg, der hier, nahe der Grenze zu den holländischen Generalstaaten, ein achtzigjähriger war - an ehrgeizige Bauprojekte nicht mehr denken ließen. Den Burgherrn zum Leid, dem Besucher des einundzwanzigsten Jahrhunderts zur Freude; so blieb das Ensemble im Wesentlichen intakt, von den historistischen Ausschmückungen des Kaiserreichs (Neuschwanstein im Emsland) mal abgesehen.



Auf jeden Fall müssen wir zur wärmeren Jahreszeit noch mal hin. Nicht auszuschließen, dass die Barockgärten dann noch inspirativer daherkommen.



Bis dahin aber - wenn nicht gar früher - bleibe ich für heute Ihr und Euer


Stephan M. Rother

PS: Aus irgendeinem Grunde scheint man in der Schweiz an der eBook-Version des Babylon-Virus einen Narren gefressen zu haben - bei bol.ch war's mehrere Tage in den Verkaufs-TopTen. Ich werde weiter berichten.

Sonntag, 21. November 2010

And though I often passed them by

Ein bisschen hab ich schon Sorge, dass mir in nächster Zeit die Zitatzeilen aus Professor Tolkiens so unerhört inspirativem Wandergedicht ausgehen. Einige Kandidaten sind wohl sowieso nicht zu verwenden – East of the Sun, west of the moon z.B. wurde weiland von A-ha als Albumtitel adaptiert und könnte zu Missverständnissen führen. We’ll see. Ggf. muss ich ins Quenya wechseln.

Für dieses Mal jedenfalls dürfte der Betreff noch, nun, trefflich passen.

Wer kennt das nicht? Da fährt oder läuft man ein Dutzend Mal achtlos an irgendwas vorbei, kriegt es vielleicht gerade noch aus dem Augenwinkel mit und denkt sich: Hey, nächstes Mal schaust Du Dir das aber richtig an. Naja, und irgendwann geht’s dann wirklich ab East of the sun usw., und man ärgert sich eine halbe … okay, eine ganze … Ewigkeit, dass man das nie gemacht hat.



Entsprechend hatte ich in den letzten Tagen das Bedürfnis nach Nägeln mit Köpfen. Hängt sicherlich auch mal wieder mit der Jahreszeit zusammen. Wenn wir die Wetterprognosen verfolgen (und ich verfolge sie intensiv), dürfte es mittelfristig deutlich ungemütlicher werden (was dann vielleicht keine dermaßen gewagte Prognose ist Ende November).



Eine ganz seltsame Sache ist es mit Bardowick. Der „Dom“ in dem sympathischen Flecken nördlich von Lüneburg kann ja stellvertretend für ein eindrucksvolles Kapitel der Geschichte stehen: Heinrich der Löwe, Herzog von Sachsen und Bayern i.R., kehrt nach jahrelanger Verbannung in die Heimat zurück und beschließt, dort weiterzumachen, wo er aufgehört hat. Nachbarn und Standesgenossen drangsalieren usw., Machtpolitik im mittelalterlichen Maßstab. Und nicht allein wegen der hübschen Alliteration, sondern auch, weil es ihm ein Dorn im Auge ist, dass die Stadt seinen vom Kaiser eingesetzten Nachfolger, den Askanier Bernhard, unterstützt.



Die Details der Einnahme Bardowicks – ein Ochse, der den Mannen des Herzogs eine Furt durch die Ilmenau gezeigt haben soll – mag man in den Bereich der Fama verweisen. Anderes ist immerhin gesichert: vestigia leonis lässt Heinrich am Bardowicker Dom verkünden: die Spur des Löwen. Und er hat gewaltig zugetappst, der Löwe. Die Siedlung erholt sich nie wieder vollständig. Gewinner ist das von Heinrich und seinen Nachkommen protegierte Lüneburg. Einzig bleibendes Zeichen einstiger Größe ist der Dom, obwohl auch der erst zweihundert Jahre später in seiner jetzigen Form entstanden ist. Vermutlich wollten die Bardowicker noch mal ein Zeichen setzen. Ist gelungen. Auch wenn’s schon recht finster war, als ich dort eintraf.



Das Entscheidende ist, dass ich's diesmal wirklich geschafft habe. Von Ferne betrachtet habe ich das gute Stück nämlich bereits mehrfach (von der A 250 aus ist es recht gut auszumachen) - aber eben nur wie Moses das Gelobte Land. Wobei es so ganz noch immer nicht geklappt hat, Kanaan-technisch. Ab 16 Uhr ist die Kirche verschlossen. Die oben dokumentierte Lichtverhältnisse geben vielleicht eine ungefähre Ahnung, wie spät es war. Genau. Sechzehn Uhr sieben. Sie sind verdammt pünktlich, die Bardowicker. Vielleicht war's das ja, was dem Löwen so auf den Senkel ging.



Etwas heller sah es dagegen vergangenes Wochenende aus, im wahrsten Sinne des Wortes. Meine Frau und ich hatten uns trotz subtropischer Luftmassen entschlossen, eine Exkursion zum „Höllberg“ zu unternehmen. Zu dieser Anhöhe habe ich eine besondere Beziehung, als Mensch und Autor gleichermaßen (wobei streng genommen nicht wenige Autoren nebenher auch Menschen sind). Geologisch gesehen ist der Höllberg Teil des Endmoränenriegels, der das Uelzener Becken nach Süden hin abschließt. Gleichzeitig stellt er beinahe die Verbindung zwischen den eindrucksvollen eiszeitlichen Fomationen der Hohen Heide und dem Drawehn im Hannoverschen Wendland her. Und dieses Beinahe ist entscheidend, denn ihm verdankt der Höllberg schon seinen Namen: Die Wurzel Hell- kann in älteren Schichten des Niederdeutschen nämlich für einen steilen Abgrund, eine tiefe Kuhle stehen, nicht selten also für einen Quellort. Einen Ort, an dem etwas verborgen ist (im ‚Adler der Frühe’ zum Beispiel Magister Wasmod von dem Knesebeck). Ein Ort von jener Sorte ganz besonderer Magie, die es mir bekanntlich angetan hat. Den Altvorderen sowieso – wie sich der Begriff der christlichen Hölle entwickelt hat via Zugang zum Totenreich, ist nachvollziehbar.



Hinzu kommt aber bei diesem besonderen Höllberg die biographische Verknüpfung. Am Südhang des Höllbergs hat schon meine Mutter „nach dem Krieg“ das Fahrradfahren gelernt (ist wirklich eine recht steile Strecke, schwer einsehbar; wie manche Leute da fahren, hat man den Eindruck, es könnt’ ihnen gar nicht schnell genug gehen mit der Hölle). Am eindrucksvollsten ist allerdings der Westhang der Anhöhe, der Punkt nämlich, an dem die Ilmenau von Süden her die Endmoränenstaffel durchbricht und ins Uelzener Becken eintritt. Eindrucksvoll natürlich nach Maßstäben der norddeutschen Tiefebene! In Nordostniedersachsen darf man keine Loreley erwarten.
Ich selbst wollte mir den Ort jedenfalls unbedingt mal wieder ansehen, nachdem ich – zumindest am Ostufer des Flusses – zuletzt vor fünfundzwanzig oder dreißig Jahren mit meinem Großvater dort war, dem Meister Emil aus dem ‚Adler der Frühe’. Heute wüsste ich zu gerne, ob er auch „diesen Blick“ hatte. Leider hat er das nie verraten, mir jedenfalls nicht. Er schätzte mich nicht sonderlich. Damals waren wir zum Schwimmen hier, was uns als Kindern sehr, sehr abenteuerlich vorkam – und vermutlich auch ziemlich abenteuerlich war, wenn auch vor allem auf Grund der Wasserqualität zu diesem Zeitpunkt.



Diesmal jedenfalls war alles anders. Auch hier möchte ich über den Besuch selbst nicht zu sehr ins Detail gehen. Die Bilder, denke ich, sprechen für sich. Copyright der Höllberg-Fotos by meine Frau.

Ich muss da unbedingt in den nächsten Monaten noch einmal hin. Die Frage ist eigentlich nur, wie stark die Schüttung der Druckhangquellen nun wirklich ist. Auf den ersten Blick sieht’s nicht so gewaltig aus, aber wir haben im Wasser Stichlinge gesichtet, und die sind eigentlich recht empfindlich. Doch wir werden sehen. Wenn das Gewässer leidlich still ist, bekommen wir dann zumindest ein wenig Variation im Betreff … „Hell freezes over“.

Bis dahin, wenn nicht vorher, bleibe ich Ihr und Euer


Stephan M. Rother

PS: Mein aktuelles opus, due out im Herbst 2011, bin ich jetzt auf Romanlänge. Doch davon mehr – demnächst.

Donnerstag, 11. November 2010

Von Liebe und Bettkanten

Einen interessanten Service bietet neuerdings das Forum Lovelybooks - Bestenlisten der besonderen Art nämlich.

Ich gebe zu, ein kleines bisschen wird mir schon warm ums Herz, wenn ich feststelle, dass ich dort in der Kategorie "Diese Autoren mögen ihre Leser" auch ein kleines Plätzlein gefunden habe (gegen Ende, auf Platz 29, den ich mir mit sechs anderen Autoren teile. Also noch mehr herzerwärmende Nähe). Gut, ich habe drei Punkte bekommen, Sebastian Fitzek hat schlappe hundertfünfzig, aber trotz alledem ... Der hat schließlich auch Haare. Unfairer Vorteil. Kein Wunder, wenn ihn dann ...

Entschuldigung. Jetzt kam gerade das böse Erwachen. Für einige Sekunden war ich dann doch ein wenig verschnupft, als ich diese andere Kategorie entdeckte: "Autoren, die wir nicht von der Bettkante stoßen würden". Und wer ist nicht dabei? Moi!


Aber dann hab ich gesehen, dass dort sowohl xx. xxxxxxxx xxx xxxxxxxxxxxx* als auch Professor Tolkien seligen Gedächtnisses auftauchen - und überlege seitdem, was ich eigentlich gruseliger finde. Vielleicht geht's in diesem Fall dann doch um sehr individuelle Befindlichkeiten.

Warum erscheint da eigentlich Diana Gabaldon nicht? Die ist doch wirklich niedlich. Und meine Frau??? Banausen! Wisst Ihr nicht, dass meine Frau auch schreibt?

Davoneilend, um die Sorgen in heißem Kakao zu ertränken bleibe ich an dieser Stelle Ihr und Euer


Stephan M. Rother

* Name getilgt. Meine Frau hat mir untersagt, lebende Kollegen zu beleidigen. Muss ich durch. Hey, Welt. Dann glaub' eben weiter, dass ich mit dem Kerl ins Bett will.

Montag, 8. November 2010

Street-View

Unheimliche Begegnungen Teil II? Ein Titel, der für diese kurze Zwischenmeldung vielleicht ebenso geeignet gewesen wäre.

Wie jüngst berichtet, sind Lucy und ich ja viel unterwegs in letzter Zeit - wobei das bei den aktuell vorherrschenden Temperaturen heuer nicht immer und unter allen Umständen ein reines Vergnügen ist. Auf der anderen Seiten begegnen uns - dem Roller und mir - dann aber doch immer mal überraschende Ein- und Ansichten.

Die Leser des ersten Dorian Grave-Bandes werden sich vielleicht an die Szene erinnern, in der Hauptkommissar Rabeck und sein Assistent Yawuz "Parzival" Cornelius Waldlingens Starautor Rainer Hartheim aus einer Art Hochsicherheitsgefängnis des Staatsschutzes loseisen. Wobei dieses Gefängnis kein echtes Gefängnis ist, sondern dieser Tage ein Stück weit im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht - als Einsatzzentrale im Rahmen des Castor-Transportes ins Endlager Gorleben. Entsprechend viel ist gegenwärtig auch hier im Ort los.
Aufgenommen heute Nachmittag - ein wenig verwackelt wegen Helm und Visier.



Bei der Castor-Angelegenheit schlagen ein Stück weit - aber auch nur ein Stück weit - zwei Herzen in meiner Brust. Zum Einen bin ich wie jeder denkende Mensch der Meinung, dass Atomenergie eine gefährliche und kaum zu verantwortende Angelegenheit ist. Wer auch immer das zum Ausdruck bringt, hat meine Unterstützung. Auf der anderen Seite legitimiert der Ausdruck einer Meinung in meinen Augen keine Gewalttätigkeiten. Wenn irgendwelche Menschen anfangen, das Gleisbett zu unterhöhlen, auf dem in allernächster ein Gefahrguttransport stattfindet, wenn versucht wird, bemannte Einsatzfahrzeuge der Hoheitsgewalt anzuzünden - dann gibt es für mich keine Grauzone mehr. Dann fehlt mir jedes Verständnis. In solchen Momenten überkommt mich ein gewisses Unwohlsein, dass die Vertreter der Staatsgewalt oft etwas schlecht wegkommen in meinen Romanen.
In diesem Moment jedenfalls stehe ich vollständig auf ihrer Seite.

Ich musste das einfach mal loswerden.